Start » Alle Beiträge » Haltung zeigen
Häusliche Gewalt erkennen und handeln

Haltung zeigen

|von Silja Schwencke

Häufiger als ein Mal pro Stunde wird eine Frau in Deutschland durch ihren Partner gefährlich körperlich verletzt: Erfahren Sie, wie Sie Opfern von häuslicher oder sexualisierter Gewalt helfen.

Häusliche Gewalt. Mann hält andere Hand fest.
©Tinnakorn/stock.adobe.com

I n Krimis lauert das Verbrechen gerne an dunklen, einsamen Orten. Nachts im Wald oder auf finsterer Straße werden vor allem Frauen Opfer von Fremden. Im wirklichen Leben droht die Gefahr vor allem im hellen Zuhause, von Menschen, die bekannt und nah sind. Laut Bundesverband Frauen­beratungsstellen und Frauennotrufe (bff) werden in Deutschland jede Woche etwa drei Frauen von ihrem aktuellen oder früheren Partner getötet, 2023 waren es 155. Mehr als ein Mal pro Stunde wird eine Frau durch ihren­ Partner gefährlich körperlich verletzt. Zwar werden auch Männer Opfer von häuslicher und sexualisierter Gewalt, aber deutlich seltener.

Irgendetwas stimmt nicht

Wenn der Täter einer Frau sehr nahe steht, kann es ihr schwerfallen, direkt zur Polizei zu gehen. Häufig stellen sich Betroffene zuerst in Einrichtungen der Gesundheitsversorgung vor. Pflegefachkräfte in Notaufnahmen sind oft die Ersten, die sie sehen. Dabei kann es schwierig sein, zu erkennen, dass eine Gewalttat stattgefunden hat – in vielen Fällen sprechen die Frauen sie nicht von alleine an. Betroffen von häuslicher oder sexualisierter Gewalt können aber alle sein, Frauen aus allen sozialen Schichten und mit allen kulturellen Hintergründen. „Hellhörig sollten Pflegende werden, wenn eine Geschichte nicht zu den Verletzungen passt“, sagt Elisabeth Andreas von S.I.G.N.A.L., einem Berliner Projekt zur Gewaltintervention­: Als typisches Beispiel aus der Praxis berichtet sie von einer Frau, die sich mit einem dick geschwollenem Auge und einer Rissverletzung in einer Notaufnahme vorstellte. Angeblich hatte ihr dreijähriger Junge sie mit einem Legostein getroffen – das konnte ihre Verwundung aber nicht hervorgerufen haben. Häusliche Gewalt richtet sich oft gegen den Kopf und gegen den Hals. Daneben können Hämatome am Rücken oder am Gesäß da- rauf hinweisen. Typische Abwehrverletzungen­ sind blaue Flecken oder Abschürfungen an den Unterarmen. „Jede Person reagiert unter­schiedlich auf eine Gewalterfahrung. Es gibt nicht das typische Verhalten“, sagt Elisabeth Andreas. Manchmal sticht auch das Ver­halten ihrer Begleiter hervor, die überfürsorglich oder sehr dominant erscheinen. Dann muss Gesundheitspersonal dafür sorgen, dass im Verlauf der Untersuchungen ein Gespräch mit der betroffenen Person allein stattfindet.

Betroffene bekommen Zeit

Elisabeth Andreas ist Erwachsenenbildnerin und bereitet in Berlin Schulungen vor, die Kliniken und ambulanten Einrichtungen ermöglichen sollen, Betroffenen von häuslicher und sexualisierter Gewalt eine vertrauliche Spurensicherung anzubieten, deren Kosten von den Krankenkassen übernommen werden. 2020 wurde ein Anspruch darauf mittels Bundes­gesetz beschlossen, nicht alle Länder haben diesen aber bisher umgesetzt. Bei ­einer kassenfinanzierten vertraulichen Spurensicherung dokumentieren die Kliniken etwa Verletzungsspuren oder sichern Proben zur DNA-Analyse, sodass diese vor Gericht als Beweis Bestand haben könnten. Die bzw. der Betroffene muss dafür aber nicht die Polizei einschalten. Die Spuren der kassenfinanzierten vertraulichen Spurensicherung sollen in Berlin drei Jahre gelagert werden und geben ihnen Zeit. „Viele Betroffene sind unmittelbar nach einer Vergewaltigung oder nach Partnerschaftsgewalt nicht in der Lage, eine Entscheidung für oder gegen eine Strafanzeige zu treffen“, erklärt Elisabeth Andreas. „Gleichzeitig sind die Spuren der Gewalt aber schnell wieder verschwunden.“ Das macht es so schwer, etwas zu beweisen. Laut bff zeigen nur 5 bis 15 Prozent der vergewaltigten Frauen die Tat überhaupt an. Und wenn sie es tun, kommt es in weniger als einem von zehn Fällen zur Verurteilung des Täters. Entgegen eines weit verbreiteten Stereotyps kommen falsche Beschuldigungen nur sehr selten vor. Ihr Anteil liegt laut einer europäischen Studie von 2009 bei etwa drei Prozent.

Vertrauliche Spurensicherung

Die Schulungen, die Elisabeth Andreas erstellt, richten sich mit dem ersten Teil nicht nur an die Pflege und an Ärztinnen und Ärzte, sondern an alle, die in Kontakt mit Betroffenen kommen können – also etwa auch an Kolleginnen am Empfang oder die Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes. Kleine Veränderungen im Verhalten können laut der Expertin Betroffenen schon sehr helfen. „Wenn sie nicht weggeschickt werden, sondern klar ist: Vergewaltigung und häusliche Gewalt sind medizinische Notfälle! Wir kümmern uns um sie, es wird hier nichts gemacht, was sie nicht wollen – damit ist schon viel gewonnen“, sagt sie. Der zweite Teil der Schulung beschäftigt sich mit der medizinischen Untersuchung sowie mit den Dokumentationsbögen und dem Erfassungs-/Spurensicherungskit für eine gerichtsfeste Beweissicherung. „Wichtig ist, dass Betroffene während der Untersuchung jederzeit Pausen einfordern oder abbrechen können“, sagt Elisabeth Andreas. „Ihnen soll Kontrolle zurückgegeben werden.“

Fragen nur unter vier Augen

Als große Hürde empfinden es viele Gesundheitsfachpersonen, jemanden auf Gewalt anzusprechen, wenn dieser oder diese es nicht von sich aus tut. Die Physiotherapeutin Agnes Wand von S.I.G.N.A.L. plädiert dafür, bei jedem Verdacht danach zu fragen. „Natürlich immer nur unter vier Augen“, sagt sie. Sie ist auf Dysfunktionen im Beckenbodenbereich spezialisiert, die nicht selten auch als Zeichen von Gewalterfahrungen auftreten, und betreut bei S.I.G.N.A.L. Schulungen von Gesundheitsfachkräften, die im Rahmen von Projekttagen und Fortbildungsangeboten stattfinden. Wichtig sei, die Gewalt konkret anzusprechen, etwa so: „Viele Personen, die solch eine Art von Verletzung zeigen, haben Gewalt erfahren – kann es sein, dass es bei Ihnen auch so ist? Kann es sein, dass Sie zu Hause jemand geschubst oder geschlagen hat?“ „Je mehr man das Ansprechen übt, umso besser wird man auch“, sagt Agnes Wand. „Auch Nichtbetroffene finden es in der Regel in Ordnung, gefragt zu werden.“

Gewalt ist niemals in Ordnung

Die Teilnehmenden der Schulungen üben das Ansprechen in Rollenspielen, die alle auf wahren­ Beispielen beruhen. Sie stammen nicht nur aus Notaufnahmen, sondern auch aus Hausarztpraxen oder der stationären Langzeitpflege. Da fällt etwa eine ältere Dame auf, die beim Waschen stärkere Abwehr­reaktionen zeigt. Nachts schläft sie nicht und weint. Ihr Partner, der sie bisher gepflegt hat, wird von den Pflegenden als kontrollierend erlebt und fragt manchmal, ob seine Frau „komische ­Sachen“ erzählt. Im Rollenspiel üben die Pflegenden, der Frau in einem ruhigen Moment mitzuteilen, was ihnen auffällt, und sie dann zu fragen, ob sie zu Hause Gewalt erlebt. „Dann gehört dazu, ihr die Möglichkeiten auf­zuzeigen, falls sie nicht mehr möchte, dass ihr Partner sie pflegt“, betont Agnes Wand.

Das Netzwerk von Hilfen ist oft größer, als viele denken. Für manche­ ist das schnelle Unterkommen in ­einem Frauenhaus oder einer Zufluchts­wohnung die Rettung. Mit manchen kann man vielleicht gemeinsam einen Termin bei einer Beratungsstelle machen oder wenigstens deren Nummer mitgeben. „Selbst wenn Frauen abwehrend reagieren, ist es gut, dass Sie gefragt haben“, sagt Agnes Wand. „Betroffene­ wissen dann, dass sie hier Hilfe finden können.“ Nicht nur bei älteren Menschen und in ­längeren Partnerschaften sind Abhängig­keiten und gewohnte Strukturen oft stark, und nicht immer ändert sich sofort etwas zum Besseren. Eine klare Haltung zu zeigen, dass Gewalt niemals in Ordnung ist und Betroffenen stets geholfen werden sollte, kann trotzdem auf Dauer wirken. „Es belastet außerdem mehr, wegzuschauen, als Angebote zu machen“, sagt Agnes Wand. „Deshalb ist es auch im Sinne eines Empowerments der Pflegefachkräfte und aller Gesundheitsfachpersonen wichtig, dass sie lernen, Gewalt anzusprechen und Unterstützung anzubieten.“

Unterstützung


Falls Sie oder jemand, den Sie kennen, Unterstützung benötigt, steht das bundesweite Hilfstelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der Rufnummer 116 016 und online auf www.hilfetelefon.de jeden Tag rund um die Uhr zur ­Verfügung.


Wenn Sie oder Ihr Team mehr über den sensiblen Umgang mit Betroffenen und über die Enttabuisierung häuslicher Gewalt im Gesundheitswesen lernen möchten, finden Sie weiterführende Informationen unter www.kis.signal-intervention.de

CNE.fortbildung


Lesen Sie auch die Lerneinheit „Häusliche Gewalt erkennen“.


Mehr zum Thema