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Interprofessionalität

Zusammenarbeit auf Augenhöhe – eine Illusion?

|von Judith Hantl-Merget

Durch ein selbstbewusstes berufliches Selbstverständnis kann sich die Pflege von der Vorstellung verabschieden, sich Anerkennung durch andere Berufsgruppen „erkämpfen“ zu müssen. Ein Kommentar.

Zwei Frauen schauen sich an
Quelle: Kirsten Oborny/Thieme

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Ich arbeite seit über 40 Jahren im Gesundheitswesen, und so lange begleitet mich schon die Forderung der Pflege, mit der ärztlichen Profession auf Augenhöhe zusammenarbeiten zu wollen. Damit einher gehen auch die grundsätzliche Wahrnehmung der Profession und der Begriff der Wertschätzung, welcher aus dem Wording im Gesundheitswesen nicht wegzudenken ist. Schon als Pflegekraft war ich bzgl. des Themas eine „Getriebene“, und auch in der Führung beschäftigt mich das schon seit über 20 Jahren.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Die Berufsgruppe Pflege arbeitet sich nach wie vor an dem Bestreben ab, von den Ärzten als professioneller Beruf ernst genommen zu werden, aber genauso hat man das Gefühl, dass die Ärzte diese Forderungen nicht ernst nehmen und sich mit einem Schulterzucken abwenden. An Erklärungen, warum die Berufsgruppen nicht zusammenfinden, mangelt es nicht. Mal wird mit der „Opferrolle“ der Pflege argumentiert, mal damit, dass die Kommunikation nicht professionell genug sei und die Studierenden der Medizin schon im ersten Semester eingeimpft bekämen, dass die Pflege als weit unter dem medizinischen Niveau anzusiedeln sei. Dies alles sind unbewiesene Hypothesen, die die Thematik immer weiter anheizen und vor allen Dingen die Pflegekräfte dazu treiben, sich im Erbringen des Gegenbeweises zu erschöpfen.

Motivationsstrukturen

Ich komme allerdings inzwischen nach vielen Jahrzehnten der Berufserfahrung zu einem ganz anderen Schluss und möchte diesen hier ausführen: Ein wesentlicher, häufig übersehener Grund liegt meiner Meinung nach in den fundamental unterschiedlichen berufsspezifischen Motivationsstrukturen der beiden Professionen. Das ärztliche Personal wird traditionell durch Faktoren wie wissenschaftliche Expertise, diagnostische Verantwortung und therapeutische Entscheidungshoheit ­motiviert. Karrierewege sind häufig durch akademische Qualifikationen, Spezialisierungen und hierarchische Aufstiegsmöglichkeiten geprägt. Die Identifikation erfolgt stark über die fachliche Expertise und die damit verbundene Entscheidungskompetenz. In Zusammenhang mit Bewerbungsprozessen ist es außerdem sehr wichtig, Zahlen bzgl. durchgeführter Operationen oder von Untersuchungen nachzuweisen. Hier spielt das Mengenprinzip eine wichtige Rolle. Je mehr Leistungen, möglichst zu aufwendigen Prozeduren, vorgewiesen werden, umso besser die Reputation.

„Die Anerkennung kommt von selbst, wenn man als eigenständige Berufsgruppe professionell agiert“

Die pflegerische Profession hingegen definiert sich überwiegend über andere Motivatoren: Die ganzheitliche Patientenversorgung, die kontinuierliche Betreuungsqualität und das unmittelbare Feedback der Patienten stehen im Vordergrund. Karrierewege orientieren sich häufig an der Vertiefung praktischer Expertise oder der Übernahme von Organisations- und Führungsverantwortung im pflegerischen Bereich. Fachliche Expertise wird immer im Zusammenhang mit der Wahrnehmung des ganzheitlichen Menschen gesehen. Während sich Ärzte zunehmend bei ihren Diagnosestellungen auf reine Untersuchungsergebnisse beziehen, versucht die Pflege, Zusammenhänge im Gesamtbild des Patienten zu erkennen und diese dann auch an den medizinischen Bereich weiterzuvermitteln. Schon hier gibt es die ersten Kommunikationsbrüche, da Pflege Informationen ausführlich wiedergibt, während Ärzte kurze Informationen erwarten.

Verschiedene Sprachen

Diese unterschiedlichen Antriebsfaktoren führen zu verschiedenen Perspektiven auf die Patientenversorgung und zu divergierenden Vorstellungen von erfolgreicher Zusammenarbeit. Während die ärztliche Seite die Effizienz diagnostischer und therapeutischer Prozesse fokussiert, betont die Pflege häufig die Bedeutung ganzheitlicher Versorgungsaspekte. Pflegekräfte versuchen dabei Zusammenhänge zu erkennen, Beziehungsmuster und die Lebenserfahrungen der Patienten mit einzubeziehen. Dadurch entstehen Kommunikations- und Verständnisbrüche. Vergleichen kann man das damit, dass zwei Menschen in einer unterschiedlichen Sprache miteinander kommunizieren.

Obwohl sich die Pflege zunehmend von einer assistierenden Tätigkeit zu einer selbstbewussten, wissenschaftlich fundierten Profession entwickelt, zeigt sich im Krankenhausalltag häufig noch ein überholtes Rollenmuster – die Pflege bemüht sich aktiv um Anerkennung und „Augenhöhe“ mit der ärztlichen Profession. Dieses Streben nach Anerkennung über die Beziehungsebene ist jedoch kontraproduktiv. Eine wahrhaft professionelle Pflege definiert sich nicht über die Zustimmung anderer Berufsgruppen, sondern über ihre fachliche Expertise, ihre eigenständige Methodenkompetenz und ihren spezifischen Versorgungsauftrag.

Die moderne Pflege verfügt über:

  • ein eigenständiges Wissenschaftsfeld mit evidenzbasierter Praxis
  • spezifische Fachexpertise in der Patientenversorgung
  • eine akademische Ausbildung mit vielfältigen Spezialisierungsmöglichkeiten.
  • eigene Verantwortungsbereiche und Entscheidungskompetenzen

Wie sich dieses neue professionelle Selbstverständnis konkret zeigt, lässt sich an einigen typischen Situationen verdeutlichen: In der täglichen Kommunikation mit Medizinern zeigt sich der Unterschied. Statt vorsichtig zu formulieren: „Herr Doktor, ich glaube, der Patient verschlechtert sich …“, präsentiert die Pflegekraft ihre Einschätzung auf Basis ihrer fachlichen Expertise: „Basierend auf meiner pflegerischen Einschätzung zeigt der Patient folgende Verschlechterungen: Die Atmung hat sich seit der letzten Kontrolle von 16 auf 24 pro Minute erhöht, der Puls ist auf 120 Schläge pro Minute gestiegen, der Blutdruck hat die definierte Grenze überschritten. Ich habe bereits folgende Maßnahmen eingeleitet …“ Auch in interdisziplinären Fallbesprechungen manifestiert sich dieses neue Selbstverständnis.

Die Pflege wartet nicht darauf, nach ihrer Meinung gefragt zu werden, sondern bringt aktiv ihre spezifische Expertise ein – sei es zur Mobilität, zum Ernährungszustand oder zur psychosozialen Situation des Patienten. Dies geschieht als selbstverständlicher Teil der ganzheitlichen Behandlungsplanung. Nicht zuletzt spiegelt sich die professionelle Haltung in der Dokumentation wider. Statt aus Unsicherheit möglichst viele Details zu dokumentieren, erfolgt eine strukturierte, fokussierte Dokumentation der pflegerischen Assessment-Ergebnisse und Interventionen. Der Fokus liegt klar auf den pflegerelevanten Aspekten, die aus der eigenständigen Fachexpertise heraus bewertet werden.

Selbstbewusste Weiterentwicklung

Diese Beispiele zeigen: Ein selbstbewusstes berufliches Selbstverständnis muss sich von der Vorstellung verabschieden, Anerkennung durch andere Berufsgruppen „erkämpfen“ zu müssen. Stattdessen sollte der Fokus auf der Weiterentwicklung der eigenen professionellen Standards und Kompetenzen liegen. Die interprofessionelle Zusammenarbeit gestaltet sich dann nicht als Ringen um Augenhöhe, sondern als sachbezogene Kooperation zwischen eigenständigen Professionen – jede mit ihren spezifischen Kompetenzen und Verantwortungsbereichen. Diese Form der Zusammenarbeit basiert auf fachlicher Expertise statt auf persönlichen Beziehungen oder hierarchischen Strukturen. Ein solches Selbstverständnis führt automatisch zu einer anderen Interaktionsqualität: Wer sich seiner Kompetenz bewusst ist, muss diese nicht ständig beweisen oder verteidigen. Dies ermöglicht einen sachlichen, lösungsorientierten Dialog auf Basis gegenseitigen Respekts.

Die Zukunft der Pflege liegt nicht im Streben nach Anerkennung, sondern in der selbstbewussten Weiterentwicklung der eigenen Profession. Dies bedeutet auch, den Mut zu haben, überholte Verhaltensmuster zu überwinden und ein neues berufliches Selbstverständnis zu entwickeln. Eine nachhaltige Verbesserung der interprofessionellen Zusammenarbeit erfordert daher mehr als nur strukturelle Anpassungen. Vielmehr gilt es ein tieferes Verständnis für die unterschiedlichen Motivationsstrukturen zu entwickeln und diese bei der Gestaltung von Arbeitsabläufen und Kommunikationsprozessen zu berücksichtigen. Nur wenn die unterschiedlichen professionsspezifischen Motivationsfaktoren erkannt, respektiert und in der Organisationsentwicklung berücksichtigt werden, kann eine echte Zusammenarbeit auf Augenhöhe gelingen.

Judith Hantl-Merget

Zur Person

Judith Hantl-Merget M. A. ist ­Mitglied der ­Geschäftsleitung und Pflegedirektorin der ­RoMed Kliniken Rosenheim.


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