Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Reduzierung von Blutdrucksenkern bei Hochbetagten weder die Sterblichkeit noch das Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen erhöht. Die Forscher plädieren daher für eine individuellere Behandlung.
Antihypertensiva im Alter reduzieren?
Immer mehr ältere Menschen nehmen mehrere Medikamente gleichzeitig ein. Deshalb gewinnt das sogenannte Deprescribing, also das gezielte Reduzieren oder Absetzen von Arzneimitteln, zunehmend an Bedeutung.
Eine große französische Studie im New England Journal of Medicine belegt, dass eine kontrollierte Reduzierung von Antihypertensiva bei Hochbetagten weder Sterblichkeit noch kardiovaskuläre Komplikationen erhöhen. Der Geriater und Kardiologe Athanase Benetos plädiert daher für einen Paradigmenwechsel weg von starren Zielwerten hin zu individueller Therapieanpassung. „Bluthochdruck ist bei älteren Menschen etwas anderes als bei jüngeren“, erklärt der Mediziner. Mit zunehmendem Alter veränderten sich nicht nur die Ursachen eines erhöhten Blutdrucks, sondern auch Nutzen und Risiken einer Behandlung.
An der multizentrischen Studie unter seiner Leitung nahmen mehr als 1.000 Menschen aus Pflegeeinrichtungen teil. Sie wurden zufällig zwei Gruppen zugeordnet: Eine Gruppe führte die bisherige antihypertensive Therapie fort. In der anderen Gruppe wurden Blutdrucksenker nach einem klaren Schema und unter regelmäßiger ärztlicher Überwachung schrittweise reduziert.
„Unsere Studie öffnet ein neues Fenster für die Frage, wie wir hochbetagte und gebrechliche Menschen besser behandeln können. Sie zeigt, dass manchmal weniger tatsächlich mehr sein kann.“ Prof. Dr. Athanase Benetos, Nancy (Frankreich)
Ergebnis: Nach drei Jahren unterschieden sich die Gruppen weder bei der Sterblichkeit noch bei schweren Herz-Kreislauf-Komplikationen. Weniger Arzneimittel können zudem dazu beitragen, unerwünschte Wechselwirkungen und die Belastung durch eine umfangreiche Medikation zu verringern.
Die Ergebnisse bedeuten jedoch nicht, dass Blutdrucksenker pauschal abgesetzt werden sollten. In die Studie wurden hochbetagte, gebrechliche Personen mit einem systolischen Blutdruck unter 130 mmHg eingeschlossen. Reduziert wurden ausschließlich Medikamente, die nicht aus anderen kardiovaskulären Gründen benötigt wurden.
Gerade in der Pflege ist eine genaue Beobachtung wichtig: Blutdruck, Befinden, Sturzrisiko, Schwindel sowie mögliche Zeichen einer Unterversorgung sollten bei jeder Therapieänderung berücksichtigt werden. Auch die Ziele der betroffenen Person und ihre funktionelle Situation gehören in die Entscheidung.