Start » Alle Beiträge » Forever young?
Wie lässt sich Pflege­bedürftigkeit abwenden?

Forever young?

|von Silja Schwencke

80 Jahre und älter zu sein, kann sehr unterschiedlich aussehen. Wie schaffen es manche Menschen, bis ins hohe Alter vital zu bleiben und wie lässt sich Pflege­bedürftigkeit abwenden? Wir haben nach Antworten gesucht.

Ältere Mann joggt
© Dusan Petkovic/stock.adobe.com – Stock photo. Posed by a model

Vor jeder größeren Wahl in den letzten Jahren fiel eine Partei mit ungewöhnlichen Slogans auf: „Wo willst Du in 800 Jahren leben?“, fragte sie auf ihren Plakaten. Oder: „Mit Deinen Urururenkeln tanzen gehen?“ Dahinter steht die „Partei für Verjüngungsforschung“, die sich in ihrem Programm auf ein einziges Thema konzentriert: Alterskrankheiten sollen durch schulmedizinische Forschung bekämpft werden. Vor allem in Fächer wie Biochemie, Bioinformatik, Molekularbiologie und Medizin möchte die Partei investieren.

Jährlich sollen zehn Prozent des Bundeshaushaltes ausgegeben werden, um Erkrankungen wie Alzheimer, Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen möglichst mittels eines „Reparaturansatzes“ in den Körperzellen zu besiegen. Mit Hilfe der „Verjüngungsforschung“ soll ein gesundes Leben über Jahrhunderte möglich sein. Außerdem könnten so die Pflegekosten von alten Menschen reduziert, das Gesundheitssystem entlastet und der Pflegefachkräftemangel gemildert werden. Eine Theorie geht sogar noch weiter: Die Lebenserwartung hat in den letzten Jahrzehnten – unterbrochen nur durch die Covid-Pandemie – jedes Jahr ein wenig zugenommen. Wäre der medizinische Fortschritt so groß, dass sie jedes Jahr um mehr als ein Jahr anstiege, so könnte man dem altersbedingtem Tod ganz entkommen, zumindest theoretisch – die sogenannte „Longevity escape velocity“ oder Langlebigkeits-Fluchtgeschwindigkeit wäre erreicht.

Ü80 ist die Zukunft

Man kann den Mitgliedern der Partei für Verjüngungsforschung vorwerfen, zu viele Science Fiction-Filme gesehen zu haben und auf die bisher ernüchternden Ergebnisse der Langlebigkeitsforschung verweisen. So können Wirkstoffe, wie das Immunsuppressivum Rapamycin oder das Diabetes-Medikament Metformin in Experimenten zwar das Leben von Fruchtfliegen und Mäusen verlängern, einfach auf den Menschen übertragen lassen sich diese Ergebnisse aber nicht. Und niemand ist bisher älter geworden als die 122-jährige Französin Jeanne Calment, die schon 1997 verstarb. Aber immerhin beschäftigt sich die Kleinstpartei mit einem Thema, das für unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wichtig werden wird, ob wir wollen oder nicht: Einer sinkenden Zahl an jungen Menschen steht eine wachsende Zahl älterer Menschen gegenüber. Schon heute ist in Deutschland die Hälfte der Bevölkerung älter als 45 Jahre, etwa jede fünfte Person hat das 65. Lebensjahr überschritten. Das ist schon nicht mehr jung, das Robert Koch-Institut sagt eine besondere „Dynamik der Alterung“ aber für die Jahre ab 2030 voraus. Dann werden die Babyboomer, die zehn geburtenstärksten Jahrgänge von 1959 bis 1968, 70 Jahre alt und älter.

Im Jahr 2050 werden laut des diesjährigen Altersberichtes der Bundesregierung rund acht bis zehn Millionen über 80-jährige Menschen in Deutschland leben – im Moment sind es sechs Millionen. Das ist beunruhigend, da mit dem Alter das Risiko für Krankheiten wie Krebs, Demenz und Herz-Kreislauferkrankungen steigt und sich gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein Mensch nicht mehr für sich selbst sorgen kann, also pflegebedürftig wird. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass die Zahl der Pflegebedürftigen von 5 Millionen Ende 2021 bis auf 6,3 Millionen im Jahr 2035 und auf 7,6 Millionen im Jahr 2055 anwachsen wird.

Yoga für später

Expertin für pflegebedürftige Ü80-Jährige ist Viviane Lamée, Leiterin der geriatrischen Station D2B im Zentrum für Altersmedizin am Albertinen Krankenhaus in Hamburg. Sie hatte ihr Examen 2005 zwar in der Kinderkrankenpflege abgelegt, merkte kurz danach bei der Arbeit für eine Zeitarbeitsfirma aber, wie gut ihr in der Klinik die Pflege von Älteren gefiel. „Es ist schön zu sehen, wenn sich Menschen auch im hohen Alter nach schweren Erkrankungen noch so verbessern, dass wir sie wieder nach Hause entlassen können“, sagt sie. Patientinnen und Patienten kommen zur Früh-Rehabilitation auf ihre Station. Häufig ist die Ursache für einen Aufenthalt ein Sturz, der zu einem Oberschenkelhals- oder einer Humerusfraktur geführt hat. Daneben sehen sie viele, viele weitere Erkrankungen, von Herzschwäche über COPD, Schlaganfälle oder Menschen mit entgleistem Diabetes mellitus.

Nicht selten leiden ihre Schützlinge unter Luftnot. Kraft und Belastbarkeit sind vermindert. Was Viviane Lamée und ihrem Team dabei auffällt: Haben die Senioren früher Sport gemacht, kommen sie schneller wieder auf die Beine. „Wir haben gerade einen Patienten, der viel Rad gefahren ist, und eine andere, die regelmäßig spazieren ging“, sagt die Stationsleiterin. „Das merken wir.“ Durch ihre Arbeit hat sich ihr Bild vom Alter geändert. „Ich sehe, was alles passieren kann, und dass ich jetzt, mit 40 Jahren, langsam daran denken sollte.“ Sie, die nie Sport gemacht hat, hat vor kurzem mit Yoga angefangen und auch ihre Ernährung umgestellt.

“Ich sehe, was alles passieren kann und fange jetzt mit 40 Jahren mit Yoga an.“ Viviane Lamée

Geheimnis der Super-Ager

Aber wird Yoga Viviane Lamée wirklich vor einer Pflegebedürftigkeit im Alter schützen können? Solche Fragen haben den Blick von Forschenden seit einiger Zeit auf ein Thema gerichtet, das vorher wenig untersucht wurde: Wie funktioniert das eigentlich, das gesunde Altern? 80 Jahre und älter zu sein, kann schließlich sehr unterschiedlich aussehen. Von 80 bis 84 Jahren ist etwa nur jeder vierte Mann und nur jede dritte Frau pflegebedürftig. Ab 90 sind es dann 70 Prozent der Männer und 86 Prozent der Frauen. Manche der „fitten“ Hochaltrigen, die sogenannten Super-Ager, zeigen Gedächtnisleistungen wie sonst 50- bis 60-Jährige. Eine spanische Langzeitstudie versuchte, hinter ihr Geheimnis zu kommen und suchte nach Unterschieden zu durchschnittlich Gealterten. Laut einer Veröffentlichung von 2023 hatten die Super-Ager länger Schule und Universität besucht, sie waren öfter an Musik interessiert und wiesen in der Vergangenheit weniger oft einen erhöhten Blutzucker oder Bluthochdruck auf. Aber: Obwohl sie in Tests zur motorischen Geschwindigkeit – etwa aus einem Stuhl aufstehen, drei Meter hin und zurück gehen und sich wieder setzen – besser abschnitten, waren sie nach eigenen Angaben körperlich nicht aktiver als die Kontrollgruppe. Die Studie untersuchte auch Biomarker und genetische Risikofaktoren für Morbus Alzheimer und fand hier keine Unterschiede.

Vorhersage durch „Frailty“

Auch am Albertinen-Haus, das neben der Klinik eine wissenschaftliche Einrichtung der Universität Hamburg beherbergt, findet eine Langzeitstudie zum gesunden Altern statt. Die Longitudinal urban cohort ageing study, LUCAS, läuft seit dem Jahr 2000. Eingeschlossen wurden damals über Hausarztpraxen Männer und Frauen, die keine Pflegebedürftigkeit aufwiesen und keine Demenz hatten, ab 60 Jahren aufwärts. Die Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie andere Langzeituntersuchungen: Ein Parameter, der besser als das biologische Alter oder das Vorhandensein von Krankheiten vorhersagen kann, ob jemand in den nächsten Jahren stirbt, pflegebedürftig wird oder nicht, ist die sogenannte „Frailty“. In der Forschung bedeutet dies mehr als nur „Gebrechlichkeit“. Der Begriff steht auch für den Verlust von Reserven und für eine erhöhte Verletzlichkeit.

Die Forschenden in Hamburg fragten dabei zum Beispiel, wie oft jemand zu Fuß außer Haus ging, ob er oder sie ein Ehrenamt ausübte, leichten oder anstrengenden Sport trieb oder in letzter Zeit Tätigkeiten vermieden hätte – aus Angst zu fallen. Die Teilnehmenden erhielten in Kleingruppen Beratungen zu drei Themen: körperliche Bewegung, Ernährung und psychosoziales Wohlbefinden. Und im Verlauf zeigte sich, dass ihre Reserven so gestärkt werden konnten. Es ist gut zu wissen, was man als Einzelne oder Einzelner für ein gesundes Altern tun kann. Public Health-Studien zeigen aber auch: Die Gesundheit einer Bevölkerung lässt sich entscheidender verbessern, wenn nicht nur das Verhalten einzelner Menschen in den Blick genommen wird, sondern wenn sich die Lebensverhältnisse drum herum ändern.

Die Deutsche Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten, ein Zusammenschluss aus medizinischen Fachgesellschaften und Forschungseinrichtungen, zu der etwa die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie und die Deutsche Diabetes Gesellschaft gehören, fordert deswegen eine ganze Reihe politischer Maßnahmen. Das Bündnis möchte unter anderem, dass gesunde Lebensmittel, wie Obst und Gemüse, von der Mehrwertsteuer befreit werden. Alle Lebensmittel sollten mit einem verbindlichen Nutri-Score gekennzeichnet werden. Alkohol und Tabak sollen höher besteuert und an Kitas und Schulen eine Stunde Bewegung am Tag eingeführt werden. Außerdem sollten Hersteller von stark zuckergesüßten Getränken eine „Limo-Abgabe“ zahlen, ähnlich wie schon in Großbritannien. Für Getränke, die acht Gramm Zucker oder mehr auf hundert Milliliter enthalten, entrichten sie dort 24 Pence pro Liter.

Selbst ist der Patient

Angesichts der wachsenden Zahl älterer und sehr alter Menschen, zu denen auch etliche gehören werden, die heute in der Pflege arbeiten, wird es aber nicht ausreichen, sich nur auf das gesunde Altern zu konzentrieren. Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie forderte deshalb vor Kurzem in einer Pressemitteilung „ein Bollwerk gegen Pflegebedürftigkeit“. Dieses sollte auch im Blick haben, wie sich nach einem „einschneidenden gesundheitlichen Ereignis“ eine Pflegebedürftigkeit verhindern lassen kann. Hier sind Viviane Lamée und ihre Kolleginnen und Kollegen gefragt. Was läuft bei ihnen in der Geriatrie anders als auf anderen Stationen? „Wir unterhalten uns alle ständig miteinander“, sagt Viviane Lamée. „Pflege, Sozialdienst, Ärzte, Physio- und Ergotherapeuten.“ So versuchten sie, „den ganzen Menschen“ im Blick zu behalten. Denn häufig steckten hinter einer Diagnose Probleme in ganz anderen Bereichen.

Bei einem Oberschenkelhalsbruch kann sich zum Beispiel herausstellen, dass eine Patientin gestürzt ist, weil sie in letzter Zeit wenig gegessen und schwach geworden ist – etwa aufgrund einer bisher nicht bekannten Demenz. Und umgekehrt sehen sie, dass nicht jeder alte, verwirrte Mensch, der zu ihnen kommt, eine Demenz hat. Dahinter kann ebenso ein Delir stecken, ausgelöst zum Beispiel durch Medikamente oder eine Elektrolytstörung, etwa eine Hyponatriämie. Außerdem arbeiten sie streng ressourcenorientiert. Das heißt, ihre Schützlinge bekommen den Waschlappen selbst in die Hand, und sie motivieren sie, möglichst viel selbstständig zu tun, auch wenn es länger dauert. Damit treffen sie häufig zunächst auf Widerstand – Patientinnen und Patienten zu motivieren, gehört auch zur geriatrischen Pflege. Mit frühzeitiger Mobilisation und Krafttraining sehen sie bei den meisten Erfolge.

„Wichtig ist, dass die Nachsorge gut geklärt ist“, betont Viviane Lamée. „Wenn sich niemand kümmert, kann die Selbstständigkeit oft nicht erhalten werden, und es entsteht noch mehr Pflegebedürftigkeit.“ Ihre älteste Patientin ist im Moment 99 Jahre alt. „Sie kann nicht mehr viel“, sagt die Pflegende. „Aber an ihr sehe ich, wie auch Kleinigkeiten, etwa aus dem Bett heraus in den Rollstuhl zu kommen, sie fröhlich und zufrieden machen.“


Mehr zum Thema