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Intersektorale Versorgung

Wie die Spinne im Netz

|von Alexandra Heeser

Intersektorale Versorgung: Bei der Community Health Nurse Tahnee Leyh laufen alle Fäden wie in einem fein gesponnenen Spinnennetz zusammen.

Kreuzspinne im Netz im Wald
Quelle: K.Oborny/Thieme

Wer die Zukunft der Pflege in Deutschland hautnah erleben und verstehen möchte, sollte sich in Brandenburg an einen Küchentisch in einem liebevoll restaurierten Fachwerkhaus setzen. Hier, wo der Bus nicht alle zehn Minuten fährt und die Wege zum nächsten Facharzt oder in die Klinik lang sind, sitzt eine Frau, die das personifizierte Versprechen einer modernen Gesundheitsversorgung ist: Tahnee Leyh.

Sie hat an der Berliner Charité gelernt und besitzt einen Master in Community Health Nursing. Die knapp 30-Jährige ist alleinerziehend und brennt für ihren Beruf. Doch wenn sie erzählt, schwingt neben ihrem spritzigen Idealismus auch eine Ernüchterung über ein System mit, das sehenden Auges gegen die Wand fährt.

2021 kehrte sie mit Kleinkind in ihre alte Heimat zurück und arbeitete zunächst im Krankenhaus. Doch auch in Brandenburg traf sie auf die gleichen Probleme wie in Berlin: mangelnde Absprachen und Verknüpfung der verschiedenen Sektoren, Lücken in der Versorgungskoordination, unzureichende Aufklärung und Beratung der Patient*innen. Sie beklagte, dass der Mensch als Ganzes mit Familie und im System nie richtig betrachtet werde. „Die Drehtüreffekte in der Klinik waren mir ein Dorn im Auge. Sie haben mich unglücklich gemacht in meiner Arbeit“, berichtet die sympathische Pflegeexpertin.

Sie wollte nicht mehr nur das sprichwörtliche Pflaster auf die Wunde kleben, wenn es eigentlich schon zu spät war. Daher machte sie sich auf die Suche nach einer Alternative, in der sie die Versorgung steuern und präventiv arbeiten kann.

Sie fand sie: Seit 1. Januar 2024 arbeitet Tahnee Leyh als Community Health Nurse (CHN) in der brandenburgischen Region um Luckau. Ihr Revier: knapp 10 000 Einwohner, verteilt auf 20 Ortsteile im Landkreis Dahme-Spreewald. Sie kennt die Gegend gut, ist dort aufgewachsen, bevor sie für Studium und Arbeit nach Berlin zog.

Ihr Auftrag: die Menschen gesund zu halten, ehe sie überhaupt ins Krankenhaus müssen. Eine Mammutaufgabe für eine Einzelkämpferin mit einer mühsam kofinanzierten 30-Stunden-Stelle beim DRK-Kreisverband Fläming-Spreewald – u. a. mit Fördermitteln vom „Pakt für Pflege“ und städtischen Haushaltsgeldern. „Es ist eine Utopie, für die 10 000 Einwohner allein zuständig zu sein“, gibt sie offen zu. Und doch ist sie für viele der letzte Rettungsanker.

Initiative schlägt Bürokratie

Wer nach den Wurzeln dieser unkonventionellen Karriere sucht, landet bei einer gehörigen Portion Eigeninitiative, die im deutschen Gesundheitswesen Seltenheitswert hat. Leyh begann noch während ihrer Zeit an der Brandenburgischen Klinik in Dresden ihren Master in Community Health Nursing – schon damals mit dem Ziel, die Pflege dort neu zu denken, wo das Leben stattfindet: zu Hause.

Die eigentliche Geburtsstunde ihrer heutigen Rolle verdankt sie jedoch keinem regulären Stellenangebot, sondern einem Zufall in der Zeitung. In der Lokalrundschau las sie von einer groß angelegten Bürgerbefragung in Luckau. Finanziert aus Mitteln des landesweiten „Pakts für Pflege“ sollten die Einwohner der umliegenden Dörfer angehört werden, was sie für eine gute Versorgung im Alter wirklich brauchen.

Für die junge Akademikerin ein absoluter Schlüsselmoment: „Das war exakt das Thema, das ich parallel im Studium als Modul zur Sozialraumanalyse behandelte. Ich dachte mir nur: Megacool, da musst du rein.“

Anstatt abzuwarten, griff sie kurzerhand selbst aktiv ein. Sie schrieb der Redakteurin des Artikels, bat um die Kontaktdaten der Initiatoren und saß wenig später als einzige Pflegeexpertin mit Studium und aktiver Tätigkeit in der Patientenversorgung in einer Runde aus Stadtverwaltung, Seniorenbeirat und Wohlfahrtsverbänden. Ihre Analysen und ihr Fachwissen beeindruckten die Verantwortlichen derart, dass man ihr prompt die Projektleitung für die Auswertung der Befragung anbot.

Der Beruf ist ein Mix aus akademischem Weitblick, strategischen Netzwerken und unerschrockener Anpacker-Mentalität.

Monatelang tourte sie fortan neben Klinikjob und Studium durch die Ortsteile, um den Bedarf der Menschen zu evaluieren. Als das Ergebnis schwarz auf weiß vorlag – die Menschen wünschten sich sehnlichst eine feste, koordinierende Ansprechperson für die Pflege zu Hause –, zögerte sie keine Sekunde: „Ich dachte mir: Oh Wunder, genau das ist das Profil einer Community Health Nurse!“

Sie ergriff erneut die Initiative, konzipierte die Stelle, überzeugte die lokalen Entscheidungsträger und verließ das Krankenhaus endgültig schweren Herzens, aber mit einem klaren Ziel vor Augen. Doch einfach nur ins Auto zu steigen und Hausbesuche zu machen, reichte ihrem Anspruch nicht. Bevor der erste Patient betreut wurde, leistete sie wochenlang strategische Basisarbeit und ging sprichwörtlich „Klinken putzen“.

Sie stellte sich bei Sozialämtern, Gesundheitsämtern, Pflegestützpunkten, sämtlichen Haus- und Fachärzten und Pflegediensten der Region persönlich vor. Ihr Ziel war so pragmatisch wie klug: Vorbehalte abbauen, ehe sie überhaupt entstehen – und von Anfang an ein echtes, funktionierendes Netzwerk auf Augenhöhe weben.

Es ist dieser Mix aus akademischem Weitblick, strategischem Netzwerken und unerschrockener Anpacker-Mentalität, der aus einem vagen Förderprojekt eine unverzichtbare Institution in der Region gemacht hat.

Zwischen Blutdruckmanschette und Psychologie

Heute reichen ihre Aufgaben von Hausbesuchen und Pflegesprechstunden über die Beratung zu Pflegegraden bis hin zur Vermittlung zwischen überlasteten Angehörigen. Sie agiert als „Spinne im Netz“. Die Tage sind bunt – wie sie selbst – und oft emotional fordernd.

Mal ruft eine verzweifelte Mutter eines sechsjährigen Jungen mit ADHS an, der vor Schulangst unter chronischen Bauchschmerzen leidet und keinen Kinderarzt findet. Hier wird die Pflegeexpertin zur Netzwerkerin, spricht mit Lehrern und Schulsozialarbeitern.

Ein anderes Mal sitzt sie bei einer Krebspatientin, die nach der dritten Diagnose und schweren Bestrahlungen psychisch am Ende ist und in der Apotheke erfährt, dass die Krankenkasse lebensnotwendige Medikamente nicht mehr bezahlt. „Die Frau sitzt weinend vor mir am Küchentisch und hat als einstige Bäuerin schlicht kein Geld mehr für die Zuzahlung“, berichtet sie. „Da sind mir die Hände gebunden, weil ich nicht die Gesetze mache. Das ist gruselig.“

Genau hier, an der Schnittstelle zwischen Medizin, Bürokratie und menschlicher Not, schließt sie eine Lücke, die der klassische Hausarzt in seinen gefühlten Fünf-Minuten-Taktungen niemals füllen kann. Leyh erklärt Diagnosen, entschlüsselt den Dschungel der Pflegeversicherung und blickt ganzheitlich auf das Leben der Menschen.

Wenn der Blutdruck zu hoch ist, legt sie nicht nur die Manschette an. Sie fragt nach dem Stresslevel, der Ernährung, dem Lebensstil. Prävention nennt sich das im politischen Berlin – doch in der Praxis wird genau diese Arbeit blockiert.

Das Absurditätenkabinett der Fördertöpfe

Das deutsche Sozialgesetzbuch sieht vor, dass Arztpraxen präventive Leistungen abrechnen können – doch die akademisierten Pflegekräfte, die die eigentliche Arbeit vor Ort leisten und dafür ausgebildet sind, gehen leer aus.

Anstatt einer bundeseinheitlichen gesetzlichen Grundlage für solche Stellen hangelt sich dieses Leuchtturmprojekt von Jahr zu Jahr durch einen Dschungel aus Fördergeldern und unsicheren, freiwilligen Zuschüssen der Kommune.

„Muss der Haushalt gekürzt werden, weil die Gelder in der Kommune fehlen, wackelt u. a. als Erstes meine Stelle – obwohl ich dem System nachweislich teure Notaufnahme-Aufenthalte und Arztbesuche ersparen könnte“, kritisiert Leyh.

Dass die häusliche Pflege im ländlichen Raum ohne professionelle Lotsen kollabiert, ist für sie eine mathematische Gewissheit. Die Zeiten der alten Großbauernhöfe, in denen drei Generationen unter einem Dach lebten und die Alten ganz selbstverständlich mitversorgt wurden, sind vorbei. Die Menschen werden älter, wollen länger selbstständig bleiben. Doch es mangelt an Begleitung zu Hause. Denn heute müssen Angehörige oft bis zum 70. Lebensjahr arbeiten, Familien sind durch Landflucht zerrissen.

Dass der Beruf an sich „sehr verantwortungsvoll und gesellschaftlich relevant“ und inzwischen ordentlich bezahlt ist, geht im ewigen Verdruss oft unter.

„Wenn die Politik behauptet, sie unterstütze die Angehörigen, dann stimmt das schlichtweg nicht“, sagt sie nüchtern. „Es gibt ein paar Euro aus der Pflegekasse, mehr nicht.“

Und selbst diese stehen derzeit auf dem Prüfstand. In Nina Warkens (CDU) Entwurf zur Pflegereform regiert wieder einmal der Rotstift. Pflegeverbände kritisieren, dass die Auswirkungen der Reform exakt die Menschen treffen, die am Küchentisch der Brandenburger CHN sitzen.

Besonders drastisch sind die Pläne für diejenigen, die ohnehin die größte Last des Systems tragen: die pflegenden Angehörigen. Warkens Entwurf sieht vor, dass die Pflegekassen künftig nur noch 70 statt wie bisher 100 Prozent der Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige übernehmen. Für Menschen – mehrheitlich Frauen –, die ihre Arbeitszeit reduzieren oder ihren Beruf ganz aufgeben, um Eltern oder Partner zu pflegen, bedeutet das eine massive Kürzung ihrer eigenen späteren Altersvorsorge. Ein fatales Signal, das die häusliche Pflege weiter entwertet.

Gleichzeitig wird der Einstieg in die Hilfe massiv erschwert. Der Entwurf sieht eine deutliche Verschärfung der Kriterien für die Einstufung in die fünf Pflegegrade vor. Die Hürden werden höhergeschraubt, um den Zugang zu Leistungen einzudämmen. Wer künftig an der Schwelle zum Pflegegrad steht, droht leer auszugehen oder zurückgestuft zu werden.

Wer beispielsweise statt Pflegegrad 2 nur noch in Pflegegrad 1 eingestuft wird, verliert auf einen Schlag den Anspruch auf das monatliche Pflegegeld von 347 Euro – Geld, das in der häuslichen Pflege an allen Ecken fehlt.

Das sieht auch Leyh so, sie bezeichnet den Reformentwurf als Offenbarungseid: „In meinem Alltag bedeutet das konkret: Menschen, die dringend Hilfe brauchen, werden aus dem System gedrängt, und das mühsam erkämpfte Pflegegeld fällt weg. Als Community Health Nurse stehe ich dann vor den Trümmern dieser Fehlentscheidungen. Statt dass wir endlich in Prävention investieren und Pflegekräfte eigenständig arbeiten lassen, um das System zu entlasten, verwaltet die Politik hier nur den Mangel – und zwar auf dem Rücken derer, die sich am wenigsten wehren können.“

Ihr Vorschlag wäre, mehr Geld in vorbeugende Ansätze zu stecken, um dafür zu sorgen, dass chronische Erkrankungen und Pflegebedarf gar nicht erst eskalieren und teuer werden. „Das bedeutet kurzfristig Geld umschichten, um langfristige Sparerfolge zu erzielen. Es ist mir zuwider, Gesundheit so durchzurechnen. Aber genau das passiert gerade. Menschen entscheiden, die noch nie selbst in Krisensituationen oder im Krankheitsfall Hilfe geleistet haben.“

Ein Appell an die eigene Zukunft

Die leidenschaftliche CHN spart im Gespräch aber auch nicht mit Kritik an der eigenen Berufsgruppe. Sie ist sauer auf die Trägheit vieler deutscher Pflegekräfte. „Wir warten immer darauf, dass irgendjemand etwas regelt, und schimpfen im Stillen“, kritisiert sie das historische Erbe einer Kultur der Unterordnung unter die Ärzteschaft.

Viele Kolleg*innen würden sich gegen akademische Weiterbildung sperren oder sich weigern, fünf Euro Beitrag für eine schützende Pflegekammer zu zahlen. Ihr Plädoyer ist eindeutig: Die Pflege braucht Akademisierung und Selbstbewusstsein, auf Augenhöhe zu verhandeln.

Dass der Beruf an sich „sehr verantwortungsvoll und gesellschaftlich relevant“ und inzwischen ordentlich bezahlt ist, geht im ewigen Verdruss oft unter.

Wie schafft man ein solches Pensum zwischen Hausbesuchen, Klinkenputzen bei Ärzten und politischer Überzeugungsarbeit in der Stadtverordnetenversammlung? Für Leyh ist es eine Frage der Haltung – auch in der Erziehung ihres eigenen Kindes. Das nimmt sie abends einfach mit in die Kommunalpolitik.

Während die Mutter vorne für die Gesundheitsversorgung der Dörfer kämpft, spielt das Kind hinten im Saal mit Autos. „Wie doof wäre ich denn, wenn ich meinem Kind diese Werte nicht mitgeben würde?“, sagt sie mit jenem Lächeln, das sie im Januar schon auf dem großen Pflegekongress in Berlin auszeichnete.

Brandenburg kann sich glücklich schätzen, Tahnee Leyh zu haben. Als Mutter schafft sie den Spagat zwischen ihrem fordernden Beruf und der Kindererziehung. Doch solange die Politik CHN-Stellen wie eine wohlwollende, freiwillige Spende behandelt, bleibt ihre Arbeit das, was sie im Grunde ist: ein heldenhafter Kampf auf verlorenem Posten.


CNE.fortbildung

Lesen Sie auch die Lerneinheit „Intersektorale Versorgungssteuerung.


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