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In den USA sorgen erste Kündigungen für Aufsehen

Ersetzt Künstliche Intelligenz bald Pflegekräfte?

|von Alexandra Heeser

Erst halfen Pflegekräfte dabei, ein KI-System zu trainieren, dann verloren sie ihren Job. In Amerika wurden erstmals Pflegestellen abgebaut und – nicht eindeutig belegt – durch KI ersetzt. Noch sind solche Fälle die Ausnahme. Doch die Debatte zeigt, wie wichtig es ist, dass Pflegefachpersonen bei der Entwicklung und dem Einsatz von KI mitentscheiden.

Künstliche Intelligenz Kopf
© Who is Danny/stock.adobe.com

Im August 2026 wurde in einem US-amerikanischen Krankenhaus ein komplettes Team für virtuelle Pflege entlassen – schreibt Rebecca Love auf LinkedIn. Über 50 erfahrene Pflegekräfte verloren ihren Job, ohne dass das Krankenhaus ihnen eine andere Stelle anbot.

Das Bittere daran: Die Pflegekräfte hatten zuvor selbst dabei geholfen, ein neues KI-System aufzubauen. Als virtuelle Pflegekräfte begleiteten sie Aufnahmen und Entlassungen per Videoschaltung. Kameras und Bildschirme in den Patientenzimmern ermöglichten den Kontakt und die Beratung vor Ort. Nach Angaben von Rebecca Love wurden die dabei gewonnenen Daten genutzt, um die KI weiter zu trainieren. Wenig später verloren die Pflegekräfte ihre Stellen. So spare die Klinik rund 5 Mio. Dollar im Jahr. Auch wenn diese Schilderung von Rebecca Love nicht eindeutig nachgewiesen ist, passt ihre Darstellung zu einem Fall, der belegt ist.

Der Fall Montefiore

Am Montefiore Medical Center verloren zwölf Pflegekräfte der Abteilung Utilization Review ihre Stellen. Sie prüften, ob Behandlungen medizinisch notwendig sind und ob die Versicherung zahlt. Nach Angaben der Gewerkschaft NYSNA übernimmt diese Arbeit nun die KI-Software des Anbieters Datavant.

In den USA gilt dieser Fall als Präzedenzfall. Er zeigt, wie stark die neuen KI-Schutzklauseln in den Pflegeverträgen tatsächlich sind. Die Klinikmitarbeiter hatten sie nach einem 41-tägigen Streik im Januar 2026 durchgesetzt. Die Gewerkschaft wertet die Kündigungen als Vertragsbruch und reichte eine Sammelbeschwerde ein. Montefiore nennt die Vorwürfe „inaccurate and misleading“ und bezeichnet die Software als nichtklinisches Programm, das Papierarbeit erleichtert.

Warum Pflegekräfte in den USA demonstrieren

Das sind erste Folgen einer Debatte, die bereits seit Längerem läuft. Schon Ende 2025 gingen in New York Hunderte Pflegekräfte gegen den unregulierten Einsatz von KI in städtischen Krankenhäusern auf die Straße. Im Mittelpunkt der Proteste standen Technologien wie „Ambient Listening“ und „virtuelle Pflegekräfte“, digitale Assistenten, die Patienten via Bildschirm betreuen sollen.

Die Kritik der Profession Pflege ist klar: Krankenhausbetreiber investieren viel Geld in KI-Technologien, sparen aber beim Personal. Zugleich belasten sie die Pflegenden zusätzlich, weil diese die Angaben von KI-Assistenten überprüfen müssen, um deren Genauigkeit sicherzustellen.

KI-Einschätzungen noch ungenau

Die Sorge der Pflegekräfte ist nicht unbegründet. Eine Umfrage der Pflegegewerkschaft National Nurse United (NNU) unter 2.300 Pflegekräften aus dem Jahr 2024 bestätigte das:

  • Bei fast 70 Prozent der Befragten stimmten die Computer-Berechnungen zum Pflegebedarf nicht mit der eigenen fachlichen Einschätzung überein.
  • Bei KI-generierten Schichtübergabe-Protokollen stimmten bei über der Hälfte diese Protokolle nicht mit der pflegerischen Einschätzung überein.

Deutschland: Droht Pflegekräften Ähnliches?

Die kurze Antwort: nein. Solche Kündigungsszenarien sind hier nicht denkbar. Es fehlt nicht an Arbeit, sondern an Fachkräften. Bis zum Jahr 2049 werden hierzulande zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen. Keine Software kann die Körperpflege, Lagern, Verbandswechsel oder den menschlichen Zuspruch am Bett übernehmen.

Dennoch wirft die Debatte in den USA auch ein Schlaglicht auf die Situation in Deutschland. Berufsverbände wie der DBfK fordern, dass Pflegekräfte am Bett von Anfang an mitentscheiden müssen, welche KI-Werkzeuge entwickelt werden. Bisher wird KI oft am tatsächlichen Bedarf auf Station vorbeientwickelt. KI kann und soll Pflegekräfte bei der lästigen Bürokratie und Dokumentation entlasten – aber sie darf nicht als Ersatz für Personal missbraucht werden.

Trotzdem zeigen die beiden US-amerikanischen Fälle, wo das Risiko liegt. Die Rechtslage in Deutschland macht die Frage nach KI in der Pflege heikler, als es die Fachkräftelücke vermuten lässt. Seit 2020 zahlen die Kassen die Pflegekosten der Krankenhäuser über das Pflegebudget, nach dem Selbstkostendeckungsprinzip und getrennt von den Fallpauschalen. Aus diesem Topf wird nur Personal bezahlt, das in der unmittelbaren Patientenversorgung auf bettenführenden Stationen arbeitet. Der Bundestag hat diese Grenze mit dem Krankenhausänderungsgesetz (KHAG) noch enger gezogen. Er beschloss, Kosten für Tätigkeiten ohne unmittelbaren Patientenbezug künftig nicht mehr im Pflegebudget zu berücksichtigen.

Massenentlassungen wegen KI sind hierzulande dennoch nicht zu erwarten. Die Lücke ist zu groß und am Bett ersetzt keine Software einen Menschen.


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