Unsicherheit, Angst und Stress: Notfallsituationen fordern selbst professionell Pflegende heraus. Frischen Sie mit unserer neuen Artikelserie Ihr Wissen auf, um für den Ernstfall gewappnet zu sein.
Sicher handeln im Notfall Teil 1
Anna Meyer ist Pflegefachfrau und heute im Nachtdienst auf der Inneren I. Bisher war es ruhig. Gegen 2 Uhr möchte sie noch einmal nach Herrn Schneider sehen. In den vergangenen Nächten hat er sich regelmäßig um diese Zeit gemeldet und um Hilfe beim Gang auf die Toilette gebeten. Anna klopft an die Zimmertür und betritt leise den Raum. Das Licht am Nachttisch ist zwar an, das Bett ist jedoch leer. Als sich ihr Blick nach unten richtet, sieht sie Herrn Schneider am Boden liegen.
Fast jede Pflegefachperson kennt Situationen wie die in unserem fiktiven Fallbeispiel aus dem eigenen Pflegealltag, alle unterscheiden sich ein wenig voneinander. Um in einem Notfall sicher zu handeln, gilt es sich darauf vorzubereiten. Wie? Mit einem standardisierten Ablauf. Der kann dabei helfen, Stress zu reduzieren und anhand eines roten Fadens strukturiert vorzugehen und professionell Hilfe zu leisten. Einen Überblick für die hierfür notwendigen Schritte und Maßnahmen erhalten Sie in unserer Infografik auf der nächsten Seite. In den kommenden Ausgaben werden wir Ihnen anhand ausgewählter Beispiele wertvolle Tipps zur Bewältigung von Notfallsituationen auf Station geben.
Standardisierter Ablauf
Zuerst verschaffen Sie sich einen Eindruck von der Gesamtsituation (General Impression).
Atmen Sie einmal tief durch, nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit und klären folgende Fragen:
- Was sehe, höre, fühle und rieche ich?
- Was muss ich zu meiner Sicherheit beachten?
- Was ist wahrscheinlich passiert?
Entscheiden Sie dann, ob Sie mit der Situation alleine zurechtkommen oder ob Sie Unterstützung benötigen.
Es folgt eine Kontrolle der Vitalfunktionen:
- Ist die Person bei Bewusstsein?
- Atmet sie, zeigt sie Lebenszeichen?
Sind die Vitalfunktionen des Patienten gesichert (Primary Survey), startet eine strukturierte Erstuntersuchung (Secondary Survey).
In der Praxis hat sich hier das ABCDE-Schema bewährt:
- Airway (Atemwege)
- Breathing (Atmung)
- Circulation (Kreislauf)
- Disability (Neurologie)
- Environment, Exposure (Umgebung, weitere Untersuchung)
Hat der Betroffene in einem der oben genannten Bereiche keine Beschwerden, können Sie zum nächsten Untersuchungsschritt übergehen. Die Verdachtsdiagnose und die Untersuchungsergebnisse sollten anschließend im Team besprochen werden und bilden die Grundlage für Ihr weiteres Vorgehen.
Nehmen Sie sich nach dem Geschehenen alle 10 Minuten für 10 Sekunden Zeit, Informationen miteinander abzugleichen und zu vereinbaren: „Was wollen wir jetzt tun?“
Zurück in der Nachtschicht
Herr Schneider stöhnt leise auf, es riecht nach Urin. Wahrscheinlich ist er beim Versuch, auf die Toilette zu gehen, gestürzt. Anna drückt die Notfallklingel, um eine Kollegin hinzuzuziehen. Herr Schneider reagiert auf Ansprache. Er klagt über starke Schmerzen im rechten Oberschenkel. Atmung und Kreislauf sind unauffällig. Bei der körperlichen Inspektion fällt Anna sofort das nach außen rotierte und verkürzte Bein auf. Sie vermutet eine Oberschenkelhalsfraktur. Mittlerweile ist eine Kollegin von der Nachbarstation eingetroffen. Gemeinsam entscheiden sie, den diensthabenden Arzt für eine Analgesie zu rufen. Danach soll Herr Schneider mit einem Tragetuch auf eine Untersuchungsliege umgelagert werden. Die Unfallchirurgie wird vorinformiert und das Röntgen wird vorbereitet.