Laut der aktuellen Krankenhausstudie 2026 von Roland Berger schrieben 73 Prozent der deutschen Kliniken im vergangenen Jahr rote Zahlen – und planen Defizite inzwischen sogar bewusst ein. Besonders brisant für Pflegefachpersonen: Mehr als zwei Drittel der Häuser kündigen Maßnahmen beim Pflegepersonal an, während das neue Sparpaket die Einnahmen weiter schrumpfen lassen dürfte.
68 Prozent der Kliniken planen Maßnahmen beim Pflegepersonal
Defizite gehören für viele Krankenhäuser inzwischen zur Finanzplanung. Laut der aktuellen Roland-Berger-Studie schlossen 73 Prozent der Kliniken das Jahr 2025 mit roten Zahlen ab. Gleichzeitig planen 68 Prozent der Häuser Maßnahmen beim Pflegepersonal, während das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz zusätzlichen wirtschaftlichen Druck erzeugen könnte.
Die wirtschaftliche Situation der deutschen Krankenhäuser verschlechtert sich weiter. Zu diesem Ergebnis kommt die Krankenhausstudie 2026 der Münchner Unternehmensberatung Roland Berger. Demnach schrieben im vergangenen Jahr 73 Prozent der Kliniken rote Zahlen. Das ist zwar ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr, doch die Verluste fallen laut Studie immer höher aus: Bei 56 Prozent der Häuser lag das Defizit am Jahresende bei mehr als zehn Prozent des Umsatzes. Einzelne Kliniken verzeichneten den Angaben zufolge sogar Fehlbeträge von rund einem Viertel ihres Umsatzes.
Die Berater sehen damit einen Großteil der Krankenhäuser unterhalb der Schwelle wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Viele Einrichtungen hätten ihre finanziellen Rücklagen aus früheren Jahren inzwischen aufgezehrt und hingen nun vollständig davon ab, wie viel Geld ihr Träger zuschießen kann, schreibt Studien-Mitautor Jonas Hollacher. Seine Prognose: Die Zahl der Klinikinsolvenzen werde voraussichtlich deutlich zunehmen.
Maßnahmen beim Pflegepersonal geplant
Für Pflegefachpersonen ist vor allem ein Befund der Studie relevant: Um die Verluste zu begrenzen, setzen viele Häuser offenbar beim Personal an. Laut Umfrage planen 68 Prozent der Kliniken Maßnahmen beim Pflegepersonal. In den übrigen Bereichen der Krankenhäuser sind es sogar 86 Prozent. Welche Maßnahmen konkret gemeint sind, geht aus den vorliegenden Angaben nicht hervor. Die Berater sehen Personalabbau als wahrscheinliche Folge der wirtschaftlichen Entwicklung. Wie viele Stellen tatsächlich betroffen wären, lässt die Studie jedoch offen.
Daneben will gut die Hälfte der befragten Kliniken Investitionen aufschieben oder ganz streichen, um den Druck auf die Erlöse kurzfristig abzumildern. Dr. Peter Magunia, Senior Partner bei Roland Berger, hält solche Schritte für unzureichend. Sie würden die Ergebnis- und Liquiditätslage zwar zeitweise entlasten, die Verluste seien inzwischen aber zu hoch, um sie auf diese Weise auszugleichen. Langfristig werde sich nach seiner Einschätzung kein Krankenhaus ohne strategische und strukturelle Veränderungen behaupten können. Diese würden zahlreichen Beteiligten einiges abverlangen, so Magunia.
Defizite als Planziel
Ein weiterer Befund der Studie deutet darauf hin, wie tief die Krise inzwischen in die Planung der Häuser eingedrungen ist: 84 Prozent der Klinikchefs geben an, ihr Ergebnisziel im vergangenen Jahr erreicht zu haben, obwohl die große Mehrheit Verluste schrieb. Die Defizite waren demnach von Beginn an einkalkuliert. Die Autoren der Studie folgern daraus, dass die wirtschaftliche Verschlechterung in den Häusern nicht mehr als Überraschung wahrgenommen, sondern bewusst in die Planung aufgenommen werde.
Ein erfüllter Plan steht laut Roland Berger in diesen Fällen also nicht für Wirtschaftlichkeit, sondern lediglich dafür, dass ein von vornherein negativ kalkuliertes Ergebnis eingetreten ist. Für Geschäftsführungen und Aufsichtsgremien verschiebe sich damit die zentrale Frage: Entscheidend sei nicht mehr, ob ein Ziel erreicht wurde, sondern ob das geplante Ergebnis dauerhaft tragbar ist.
Sparpaket dürfte Einnahmen weiter senken
Zusätzlichen Druck erwarten die Klinikchefs durch das Sparpaket für das Gesundheitswesen, das Bundestag und Bundesrat im Juli verabschiedet haben. Nach Einschätzung der Befragten werden die Einnahmen ihrer Häuser dadurch im Schnitt um sieben Prozent sinken. Das Beitragssatzstabilisierungsgesetz soll verhindern, dass die gesetzlichen Krankenkassen ihre Beiträge weiter anheben.
Kritik an dem Gesetz kommt nicht nur aus den Krankenhäusern. Auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband befürchtet als Folge eine schlechtere medizinische Versorgung. Zudem hatten zahlreiche Landes- und Kommunalpolitiker gegen das Sparpaket protestiert. Eine Trendwende erwarten die Klinikverantwortlichen nicht: Laut Umfrage rechnen zwei Drittel von ihnen damit, dass sich die Lage in den kommenden Jahren weiter verschlechtert.
Zur Methodik
Für die Krankenhausstudie 2026 hat Roland Berger nach eigenen Angaben rund 600 Führungskräfte deutscher Krankenhäuser befragt, konkret Geschäftsführer und Ärztliche Direktoren. Die Erhebung deckt Kliniken verschiedener Versorgungsstufen und Trägerschaften ab, von Häusern der Grund- und Regelversorgung bis hin zu Maximalversorgern und Universitätskliniken.
Die Ergebnisse beruhen damit auf den Angaben und Einschätzungen der Klinikleitungen selbst. Das gilt insbesondere für die erwarteten Einnahmeverluste durch das Sparpaket und die Prognosen zur künftigen Entwicklung. Die Perspektive der Beschäftigten auf den Stationen, die von den geplanten Personalmaßnahmen betroffen wären, bildet die Studie nicht ab.