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Wenn das Gedächtnis kurz aussetzt

Vergesslich oder dement?

|von Juliane Sorg

Wer kennt das nicht: Plötzlich steht man da und weiß nicht mehr, was man eigentlich gerade machen oder sagen wollte. Aber wann ist das noch normal und ab wann sollte man die Vergesslichkeit abklären lassen?

Kopf mit fehlenden Puzzeleteilen
© Atlas - stock.adobe.com

Pflegefachfrau Anne Springer ist seit sechs Uhr im Dienst. Als sie das Dienstzimmer betritt, bleibt sie kurz stehen. Was wollte sie hier eigentlich gerade noch holen? Für einen Moment ist der Gedanke weg. Wenig später fällt ihr der Name eines Kollegen nicht ein, mit dem sie seit Jahren zusammenarbeitet. „Heute bin ich wirklich neben der Spur“, denkt sie. Die Nacht war kurz, auf Station ist viel los und eine Pause konnte sie bislang auch noch nicht machen.

Als sie beim 79- jährigen Herrn Weber auf die Klingel reagiert, erlebt sie zum dritten Mal an diesem Tag eine Gedächtnislücke – diesmal betrifft sie jedoch nicht sie, sondern ihren Patienten Herrn Weber. „Wann werde ich denn zur Untersuchung abgeholt?“ Anne Springer hält inne. Es ist das vierte Mal innerhalb einer halben Stunde, dass Herr Weber diese Frage stellt. Zweimal hat sie ihm die Uhrzeit der geplanten Untersuchung bereits genannt.

Beim späteren Besuch seiner Tochter berichtet sie, dass ihr Vater auch zu Hause vergesslicher geworden sei. Termine müsse sie ihm inzwischen mehrfach nennen. Seine Medikamente habe er zuletzt öfter verwechselt und obwohl er früher großen Wert auf sein Äußeres gelegt habe, trage er inzwischen manchmal mehrere Tage dieselbe Kleidung.

Anne Springer und Herr Weber haben an diesem Morgen beide etwas vergessen: Aber wo endet alltägliche Vergesslichkeit und wann beginnt eine auffällige Veränderung?

Wenn das Gedächtnis kurz aussetzt

Ein Name liegt auf der Zunge, man geht in ein Zimmer und weiß plötzlich nicht mehr, was man dort wollte. Solche Situationen sind zunächst kein Grund, an eine Demenz zu denken.

Damit eine Information erinnert werden kann, muss sie zunächst aufgenommen und verarbeitet werden. Unter Zeitdruck fällt das schwerer: Wer gleichzeitig auf die Klingel reagiert, an eine Neuaufnahme denkt und weitere Aufgaben im Kopf sortiert, verteilt seine Aufmerksamkeit auf viele Dinge. Schlafmangel und Erschöpfung können die Gedächtnisleistung zusätzlich beeinträchtigen. Studien zeigen, dass verkürzter Schlaf unter anderem die Bildung neuer Erinnerungen beeinträchtigen kann. Auch akuter Stress kann sich ungünstig auf das Arbeitsgedächtnis auswirken.

Bei Anne Springer kommt der eben noch „verlorene“ Gedanke wenig später zurück: Sie wollte Unterlagen für die Neuaufnahme holen. Und auch der Name ihres Kollegen fällt ihr wieder ein. Sie weiß jederzeit, wo sie ist, was heute ansteht und welche Patientinnen und Patienten sie versorgt.

Bei Herrn Weber ist die Situation eine andere.

„Darüber haben wir doch eben erst gesprochen“

Als Anne Springer Herrn Weber erneut darüber informiert, wann seine Untersuchung geplant ist, schaut er überrascht: „Ach, so früh schon?“. Dass sie bereits darüber gesprochen haben, scheint ihm nicht bewusst zu sein.

Gerade darin kann ein wichtiger Unterschied zum alltäglichen Vergessen liegen. Bei alltäglicher Vergesslichkeit fehlt manchmal vorübergehend der Zugriff auf eine Information. Bei einer Demenzerkrankung kann dagegen unter anderem die Fähigkeit beeinträchtigt sein, neue Informationen überhaupt dauerhaft zu speichern. Allerdings lässt sich anhand eines einzelnen solchen Erlebnisses keine Demenz erkennen. Entscheidend ist das Gesamtbild: Demenzerkrankungen betreffen nicht ausschließlich die Gedächtnisleistung. Auch Aufmerksamkeit, Sprache, Orientierung, Denkvermögen sowie das Planen und Organisieren können beeinträchtigt sein. Bedeutsam werden solche Veränderungen besonders dann, wenn gewohnte Alltagstätigkeiten zunehmend schwerfallen.

Vergesslich oder auffällig verändert?

Eher alltägliche Vergesslichkeit

  • Ein Name ist aktuell nicht abrufbar, später wird der Name jedoch wieder erinnert
  • Ein Gegenstand wird verlegt und nach einigem Suchen wiedergefunden
  • Ein Termin wird einmalig vergessen
  • Hinweise oder Gedächtnisstützen wie Kalender reichen aus, Termine einzuhalten
  • Vertraute Tätigkeiten gelingen weiterhin
  • Die Aussetzer treten beispielsweise bei Stress, Müdigkeit oder Schlafmangel häufiger auf

Genauer hinschauen

  • Kürzlich geführte Gespräche oder Ereignisse werden wiederholt vergessen
  • Dieselbe Frage wird innerhalb kurzer Zeit mehrfach gestellt
  • Vertraute Aufgaben gelingen zunehmend schlechter
  • Handlungsschritte geraten durcheinander oder werden ausgelassen
  • Zeitliche oder örtliche Orientierung nimmt ab bzw. wird unsicherer
  • Wortfindungs- und Verständigungsprobleme nehmen zu
  • Medikamente, Termine oder Geldangelegenheiten können nicht mehr so zuverlässig wie früher organisiert werden
  • Körperpflege, Kleidung oder Haushaltsführung verändern sich deutlich gegenüber früher
  • Die Auffälligkeiten nehmen über längere Zeit zu und beeinträchtigen den Alltag

Wichtig: Ein einzelnes Merkmal beweist keine Demenz. Entscheidend sind immer Verlauf, Ausmaß und das Zusammenspiel mehrerer Veränderungen.

Nicht immer steckt eine Demenz dahinter

Auch bei Herrn Weber wäre es falsch, aus den bisherigen Beobachtungen unmittelbar eine Diagnose abzuleiten. Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme können unterschiedliche Ursachen haben, beispielsweise psychische Belastungen, Schlafstörungen, Medikamenteneffekte, Stoffwechselerkrankungen oder andere körperliche Erkrankungen.

Deshalb gehört zur Demenzdiagnostik auch die Suche nach anderen möglichen Ursachen. Angehörige können dabei wichtige Informationen liefern, weil sie häufig besonders gut beschreiben können, was sich gegenüber früher verändert hat. Bei Herrn Weber vervollständigt seine Tochter das Bild.

Seit wann ist das eigentlich so?

Anne Springer fragt bei Herrn Webers Tochter genauer nach: „Wann haben Sie erstmals bemerkt, dass etwas anders ist?“ „Schwer zu sagen“, antwortet sie. Anfangs seien es Kleinigkeiten gewesen wie eine vergessene Verabredung oder ein verlegter Schlüssel. Später habe ihr Vater mehrfach nach Dingen gefragt, die sie kurz zuvor besprochen hatten. Vor einigen Wochen sei er außerdem auf dem Rückweg vom Bäcker falsch abgebogen, obwohl er seit Jahrzehnten im selben Viertel lebt.

Die Veränderungen seien nicht plötzlich gekommen, sondern hätten sich über Monate entwickelt.

Genau diese zeitliche Komponente ist ein entscheidendes Kriterium: Demenzerkrankungen beginnen typischerweise schleichend. Erste Auffälligkeiten können anfangs so klein sein, dass sie als normale Vergesslichkeit wahrgenommen werden. Erst wenn sich ähnliche Situationen häufen und weitere Fähigkeiten betroffen sind, entsteht ein Muster.

Wenn die Veränderung plötzlich kommt

Im Krankenhaus müssen Pflegende aber auch ein weiteres Szenario im Blick behalten: Wirkt ein Patient innerhalb weniger Stunden plötzlich deutlich desorientiert, ungewöhnlich unaufmerksam oder zeigt eine im Tagesverlauf schwankende Verwirrtheit, muss insbesondere an ein Delir gedacht werden. Infektionen, Schmerzen, Veränderungen des Flüssigkeits- oder Stoffwechselhaushaltes oder Medikamente können solche Veränderungen begünstigen. Eine solche Situation muss ärztlich abgeklärt werden. Der Blick auf die Zeitachse hilft deshalb: Hat sich etwas schleichend über Wochen oder Monate verändert oder ist die Veränderung innerhalb kurzer Zeit eingetreten?

Drei Fragen, die beim Einordnen helfen

1. Was hat sich verändert?
Geht es um gelegentliche Gedächtnislücken oder gelingen auch vertraute Tätigkeiten nicht mehr wie bisher?

2. Seit wann besteht die Veränderung?
Nimmt sie seit Wochen oder Monaten langsam zu oder ist sie plötzlich aufgetreten?

3. Welche Folgen hat sie im Alltag?
Werden beispielsweise Termine, Medikamenteneinnahme, Orientierung, Körperpflege oder andere bisher selbstständig bewältigte Aufgaben schwieriger?

 

Beobachten statt etikettieren

Pflegefachpersonen haben nicht die Aufgabe, aufgrund einzelner Beobachtungen eine Demenz zu diagnostizieren, sie können aber entscheidend dazu beitragen, Veränderungen früh wahrzunehmen und präzise zu beschreiben.

„Herr Weber ist zunehmend dement“ ist eine Interpretation. „Herr Weber fragte zwischen 9 und 9.30 Uhr dreimal nach dem Zeitpunkt seiner Untersuchung, obwohl ihm die Uhrzeit jeweils genannt wurde“ beschreibt dagegen eine konkrete Beobachtung der Situation. Solche Informationen können gemeinsam mit Angaben von Angehörigen und weiteren Befunden in die ärztliche Abklärung einfließen.

Anne Springer und Herr Weber haben an diesem Morgen beide etwas vergessen. Doch während Anne Springers kurze Aussetzer unter Belastung auftreten und wieder verschwinden, zeigen sich bei Herrn Weber Veränderungen in mehreren Bereichen seines Alltags. Genau darauf kommt es beim genaueren Hinsehen an: Nicht der einzelne vergessene Name oder Termin ist entscheidend, sondern das Muster, der Verlauf und die Folgen für das tägliche Leben.


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