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Frauen professionell beraten

Genitalverstümmelung: Expertise zählt

|von Claudia Loser

Weibliche Genitalverstümmelung ist auch in Deutschland ein wachsendes Gesundheits- und Versorgungsproblem. Betroffene benötigen eine interdisziplinäre, kultursensible Betreuung, bei der APNs eine Schlüsselrolle übernehmen könnten.

rosa Rose mit Blut
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Wer verstehen möchte, warum die weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) eine massive Verletzung der körperlichen und seelischen Unversehrtheit darstellt, muss nur folgende Beschreibung der Ärztin und Traumatherapeutin Dr. med. Fana Asefaw lesen: „In der Hochzeitsnacht steigt der Bräutigam mit einem Messer ins Bett und überprüft, ob die Narbe am Geschlecht intakt ist, ob sie noch geschlossen und unberührt ist. Dann nimmt er das Messer, öffnet die Frau, legt sich auf sie, dringt in sie ein, durch die Wunde“ (Asefaw, 2017, S. 114). Das FGM zugrunde liegende Ritual gibt es seit über 2000 Jahren und wird aufgrund seiner tiefgreifenden, kulturell verankerten Bedeutungen bis heute vor allem in Teilen Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens praktiziert. Dabei fügt es Mädchen und Frauen irreparable Schäden zu und verletzt ihre grundlegenden Menschenrechte. Die weibliche Genitalbeschneidung zieht nicht nur schwere seelische Traumata nach sich, sondern auch multiple chronische körperliche Langzeitschäden, die den Versorgungsbedarf betroffener Frauen prägen. Viele Betroffene leiden unter chronischen Harnwegs- und Menstruationsbeschwerden, wiederkehrenden Infektionen oder Narbenbildungen und Schmerzen.

FGM auch in Deutschland präsent

UNICEF zufolge sind weltweit über 230 Millionen Frauen und Mädchen betroffen. Die Zahl an beschnittenen Frauen steigt infolge der globalen Migrationsbewegung in Deutschland kontinuierlich. Terre des Femmes geht hierzulande von mehr als
104   000 Betroffenen aus. Somit ist FGM zunehmend auch in westlichen Gesundheitssystemen präsent, wodurch Pflegefachpersonen mit den Folgen dieses Rituals konfrontiert werden. Trotz der zunehmenden Relevanz besteht im klinischen Setting noch immer ein erhebliches Wissensdefizit. Pflegefachpersonen berichten häufig von Unsicherheiten im professionellen Umgang mit betroffenen Frauen. Fehlende Fort- und Weiterbildungsangebote sowie mangelnde Sensibilisierung erschweren eine adäquate Versorgung.

Viele Fragen

Ethische wie praktische Fragen, die bei der Versorgung Betroffener aufkommen, sind zahlreich, zum Beispiel: Darf das ärztliche Personal nach der Entbindung auf Wunsch der Patientin eine Infibulation durchführen? (Bei einer Infibulation werden die äußeren Genitalien teilweise oder vollständig entfernt und die Vaginalöffnung wird durch Vernähen des Gewebes weitgehend verschlossen.) Darf einer zuvor infibulierten Frau die Wiederherstellung dieses Zustandes verweigert werden, während in den westeuropäischen Wohlstandsgesellschaften Schamlippenverkleinerungen oder Scheidenverengungen als Operationsverfahren anerkannt sind und sichtlich im Trend liegen? Was, wenn eine notfallmäßige Deinfibulation indiziert ist, beispielsweise während einer Geburt? Muss sich das Pflege- und Ärztepersonal an die Schweige- oder die Meldepflicht halten? Kann die Abschaffung von FGM je gelingen, solange die Beschneidung von Jungen weltweit kritiklos toleriert und praktiziert wird? Anhand dieser Fragen wird deutlich, dass es sich bei der weiblichen Genitalbeschneidung um einen Themenkomplex handelt, der aus dem Blickwinkel vieler Disziplinen betrachtet werden muss. Um eine adäquate Behandlung, Betreuung und Beratung beschnittener Frauen zu ermöglichen, ist besondere Fachkenntnis also essenziell.

UNICEF zufolge sind weltweit über 230 Millionen Frauen und Mädchen betroffen. Die Zahl an beschnittenen Frauen steigt infolge der globalen Migrationsbewegung in Deutschland kontinuierlich. Terre des Femmes geht hierzulande von mehr als
104   000 Betroffenen aus.

Schlüsselfunktion APN

Vor diesem Hintergrund gewinnt der Einsatz akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen, insbesondere der Advanced Practice Nurse (APN), zunehmend an Bedeutung. Die Integration einer APN in den Pflegeprozess bietet ein erhebliches Potenzial zur Optimierung der Versorgung von beschnittenen Frauen. Sie verlangt klinische Expertise, ethische Reflexionsfähigkeit und wissenschaftliche Kompetenz – Fähigkeiten, die im Rollenprofil der APN gebündelt sind. Aufgrund ihrer erweiterten akademischen Ausbildung verfügt die APN über vertiefte pflegewissenschaftliche, medizinische und gesundheitspsychologische Kompetenzen. Die Implementierung aktueller Forschungsergebnisse sowie die Evaluation pflegerischer Interventionen sind wichtige Bestandteile professioneller Pflegepraxis. APNs übernehmen eine Schlüsselfunktion, indem sie Innovationen anstoßen und als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis agieren.

Weibliche Genitalverstümmelung erfordert die Steuerung von hochkomplexen Pflegeprozessen auf Grundlage von wissenschaftsbasierten und wissenschaftsorientierten Entscheidungen. Durch das vertiefte Wissen der APNs über die weibliche Beschneidung wird die gesundheitliche und pflegerische Versorgung der Betroffenen mitgestaltet. Ambulante, niedrigschwellige Beratungsangebote tragen dazu bei, Versorgungslücken zu schließen, und ermöglichen eine frühzeitige Intervention. Dadurch sinkt nicht nur die Hospitalisierungsrate, sondern auch das Risiko einer Krankheitsprogression sowie die Inanspruchnahme invasiver Behandlungsmaßnahmen. Darüber hinaus führt eine kontinuierliche, professionsübergreifende Begleitung zu einer Verbesserung der individuellen Belastungstoleranz der betroffenen Frauen. Psychische und somatische Folgeerkrankungen können frühzeitig erkannt und nachteilige Effekte durch bestehende Begleiterkrankungen können reduziert werden. Der erleichterte Zugang zu Beratungsangeboten stärkt zudem die gesundheitliche Selbstwirksamkeit der Patientinnen und fördert eine aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Gesundheitssituation.

Im Fokus steht somit der Aufbau einer interprofessionellen, kultursensiblen Gesundheitsversorgung, die pflegerische, medizinische, psychosoziale und beratende Kompetenzen systematisch miteinander verknüpft. Advanced Practice Nurses übernehmen hierbei eine koordinierende und steuernde Rolle im Versorgungsprozess. Sie fungieren als zentrale Ansprechpersonen, initiieren interdisziplinäre Fallbesprechungen und tragen zur Kontinuität der Versorgung bei. Durch die Implementierung standardisierter, evidenzbasierter Beratungskonzepte kann eine nachhaltige Versorgungsstruktur etabliert werden, die nicht nur die individuelle Lebensqualität der betroffenen Frauen verbessert, sondern zugleich einen präventiven Beitrag zur Eindämmung der weiblichen Genitalverstümmelung leistet.


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