Missed Nursing Care, also nicht oder nicht vollständig erfolgte Pflege, belastet alle Beteiligten – Patienten, Angehörige wie auch Pflegende. An welchen Stellschrauben Sie, Ihre Leitung und Ihre Teamkollegen gemeinsam drehen können, auch wenn die Rahmenbedingungen sich nicht ändern, lesen Sie hier.
Verloren zwischen Anspruch und Alltag
Alle, die in der Pflege im Krankenhaus arbeiten, kennen Schichten wie diese: Am Morgen sieht es noch nach einem freundlichen Tag mit lösbaren Aufgaben aus. Dann geht man kurz aus dem Zimmer von Herrn Müller, um Material zum Abstöpseln seiner Infusion zu holen, bevor man ihn aus dem Bett mobilisiert, und wird von drei Seiten überfallen. Der Ehemann von Frau Meyer fragt nach ihren Thrombose-Spritzen – er solle sie ab morgen zu Hause geben, hätte aber keine Ahnung, wie das ginge. Die Stationsärztin bittet um eine Puls- und Blutdruckkontrolle bei Frau Schneider, und die Kollegin braucht Hilfe bei Frau Fischer, die gerade Durchfall bekommen hat. Was schließlich vom Arbeitstag bleibt, ist das Gefühl, wichtige Dinge nicht erledigt zu haben.
„Missed“: eher Regel als Ausnahme
Solche Tage und die damit verbundenen Gefühle und Folgen sind in den letzten Jahren in zahlreichen Studien untersucht worden. Die Wissenschaft hat dafür einen Begriff geprägt: „Missed Nursing Care“. Darunter versteht man pflegerische Leistungen, die nicht durchgeführt, unvollständig erbracht oder verspätet umgesetzt wurden. Ebenso umfasst der Begriff eine implizite Rationierung – also das bewusste Einschränken von Pflegetätigkeiten.
Die Forschung zeigt deutlich, dass Missed Nursing Care gravierende Folgen hat: Mit steigender Häufigkeit kommt es zu vermehrten Komplikationen und einer höheren Mortalität bei Patient*innen. Studien belegen zudem die weite Verbreitung: Laut einer Befragung von mehr als 1 000 Pflegefachpersonen in österreichischen Krankenhäusern gaben über 84 Prozent an, in den letzten zwei Wochen notwendige pflegerische Maßnahmen nicht erbracht zu haben. Vergleichbare Zahlen finden sich auch in Deutschland. Besonders häufig wurden der Verzicht auf Gespräche mit Patient*innen und Angehörigen sowie die fehlende emotionale Unterstützung genannt. Ebenso wurden Defizite bei der Mobilisierung aus dem Bett sowie bei der Mundhygiene berichtet. Weniger stark betroffen waren hingegen Tätigkeiten wie die Überwachung von Vitalzeichen oder die Verabreichung von Medikamenten.
Ohne Gespräche ein Teufelskreis
„Die fehlenden Gespräche mit Angehörigen und Patient*innen zur Beratung und Schulung sind ein Teufelskreis“, erklärt Inge Köberl-Hiebler, Gesundheitswissenschafterin, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Vizepräsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes (ÖGKV). „Je weniger diese über ihre Gesundheit wissen und Gesundheitskompetenz entwickeln, desto häufiger müssen sie Leistungen des Gesundheitssystems – etwa eine Krankenhausaufnahme – in Anspruch nehmen.“ Köberl-Hiebler verfügt über langjährige Berufserfahrung in hochspezialisierten Bereichen: Sie arbeitete auf einer neurochirurgischen Intensivstation sowie in mehreren OP-Bereichen – von der Augenchirurgie über die Allgemeinchirurgie bis hin zur Herztransplantation. Neben ihrem Studium der Gesundheitswissenschaften absolvierte sie auch eine Ausbildung in Pflegepädagogik.
Heute ist sie neben ihrer Funktion im ÖGKV im medizinischen Stab der Generaldirektion der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt in Wien tätig und zudem allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige. Sie weist darauf hin, dass Missed Nursing Care auch in der Pflegedokumentation sichtbar wird – selbst wenn Vitalparameter meist zuverlässig erfasst werden. „Oft fehlt jedoch der rote Faden, der sich durch die gesamte Krankengeschichte zieht und eine stringente, nachvollziehbare Pflegeplanung und -dokumentation gewährleistet“, so die Sachverständige. Ein Beispiel: Wird ein Flüssigkeitsdefizit dokumentiert und werden entsprechende Interventionen geplant, ist für die nächste Schicht der Handlungsrahmen klar vorgegeben – etwa durch häufigere Trinkangebote. Verschlechtert sich der kognitive Zustand des Patienten, kann so rascher an eine Dehydrierung gedacht werden, anstatt fälschlicherweise von einer dementiellen Entwicklung auszugehen. Missed Nursing Care zeigt sich in Österreich laut Köberl-Hiebler insbesondere im Akutbereich der Kliniken sowie in der Langzeitpflege. In der Rehabilitation seien die Rahmenbedingungen etwas günstiger.
Je besser das Verhältnis im Team ist, desto weniger tritt Missed Nursing Care auf.
Achtung bei Alarmsignalen
Unter Missed Nursing Care leiden nicht nur Patient*innen, sondern auch die Pflegefachpersonen selbst. „Hier arbeiten Menschen mit hohem Verantwortungsbewusstsein und großer Verantwortungsbereitschaft“, betont Köberl-Hiebler. „Wenn sie spüren, dass sie den Bedarf nicht decken konnten, entsteht Unzufriedenheit. Das erzeugt Ohnmacht oder ein Gefühl der Überforderung.“ Viele unerledigte Aufgaben während der Arbeitszeit bedeuten ständige Alarmzeichen im Kopf – die Pflegefachpersonen finden kaum Ruhe. „Es ist wichtig, die eigenen Belastungsgrenzen zu kennen und rechtzeitig Unterstützung zu suchen“, so Köberl-Hiebler. Körper und Psyche senden Warnsignale: Anhaltendes Gedankenkreisen nach Dienstschluss, Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme sind ernst zu nehmen. Werden diese ignoriert, kann dies in ein Burnout oder eine Depression führen.
Auch wenn ehemals empathische Pflegefachpersonen keine Freundlichkeit mehr zeigen können, gereizt reagieren oder zynische Bemerkungen machen, sind dies ernst zu nehmende Stresssymptome. „Nicht selten treten dann auch Fehler gehäuft auf“, warnt Köberl-Hiebler. Hier sind auch die Führungskräfte gefragt: „Es ist ihre Aufgabe, Überlastung zu erkennen.“ Zudem müssten Leitungen auf eine faire Aufgabenverteilung achten. „Manchmal neigen Vorgesetzte dazu, engagierten und leistungsstarken Mitarbeitenden mehr aufzubürden – bis diese sich wie Lasttiere fühlen.“
Pflegende – immer stark?
Silke Wüstholz, die seit 2013 als selbstständiger Coach vor allem im medizinischen Bereich arbeitet, bestätigt die wichtige Rolle der Führungskräfte: „Wie sehr Missed Nursing Care belastet, hat oft mit der eigenen Persönlichkeit zu tun“, sagt sie. „Aber darüber hinaus auch immer damit, was für ein Geist in der Klinik, auf der Station oder im Team herrscht.“ Sie war als Fachkrankenpflegerin für Anästhesie und Intensivpflege viele Jahre lang in Karlsruhe tätig, bis sie das Coaching für sich entdeckte. Daneben arbeitet sie als Dozentin für Kommunikation und Kommunikationstechniken. Zum Einzel-Coaching kommen Menschen aus allen Berufsgruppen zu ihr, zum Team-Coaching ist Silke Wüstholz meist in Kliniken unterwegs. Sie sieht, dass der Gruppendruck auf den Stationen oft hoch ist. „Häufig gilt die Devise: Wir müssen immer toll und stark sein“, sagt sie. Missed Nursing Care sei ein großes Thema, gleichzeitig gebe aber niemand gerne zu, etwas nicht zu schaffen. „Dass es auch in Ordnung sein kann, Schwächen zuzugeben, wird nicht kommuniziert.“
Studien ergeben zwar: Je mehr Patienten eine Pflegende betreut, umso häufiger tritt „Missed Care“ auf, und zu wenig Personal wird als Hauptgrund für „Missed Care“ genannt. Aber die Untersuchungen zeigen auch: Je besser das Verhältnis der Kolleginnen und Kollegen untereinander ist, desto seltener tritt das Phänomen auf. Eine mangelhafte Kommunikation im Team und mit den Patienten scheint entscheidend zu sein. Sich unterstützen zu lassen, wird in manchen Kliniken allerdings immer noch als Schwäche ausgelegt. „Bei den Leitungen herrscht oft die Ansicht, dass regelmäßige Supervisionen nicht notwendig sind“, sagt Silke Wüstholz. „Dabei sind diese gelebte Selbstfürsorge und wichtige Austauschplattformen.“
Check-in fürs Team
Sie empfiehlt zum Beispiel, die Übergabe für ein „Team-Check-in“ und „Team-Check-out“ zu nutzen. Kolleginnen können so etwa äußern, wenn sie an einem Tag nicht ganz so belastbar sind. Außerdem können alle noch einmal Revue passieren lassen, worauf sie heute stolz sein können, was sie geschafft haben – und was nicht. Silke Wüstholz kennt einige Stationen mit Team-Check-in/Check-out. „Es ist schwierig zu etablieren“, sagt sie. „Aber wenn es gelingt, wird die Stimmung im Team deutlich besser.“ So lässt sich auch bei schlechter Besetzung klären, wer welche Aufgaben übernimmt, was vordringlich erledigt werden muss, etwa die Körperpflege oder die Krankenbeobachtung, und welche Aufgaben getrost weitergegeben werden können.
Im Einzel-Coaching scheinen es oft Kleinigkeiten zu sein, die Pflegefachkräften helfen. Etwa, dass sie auch mal „Nein“ sagen können, ohne dass etwas Schreckliches passiert. Und dass sie Pausenzeiten einhalten dürfen. „Das gilt manchmal als verrückte Idee.“ Silke Wüstholz fällt auf, dass manche Pflegefachkräfte dadurch sehr hart werden. Zuletzt betreute sie eine Pflegende mit Eheproblemen, die auf einer Intensivstation arbeitete. „Es kam heraus, dass sie durch den Beruf wie versteinert war“, erzählt sie. „Und wir bestehen nicht aus zwei menschlichen Teilen – die Verhärtung trug sie mit ins Privatleben hinein.“
Zeiten ändern sich
Was die oder der Einzelne als Ausgleich für sich tun kann, liest sich bekannt, wird aber dennoch allzu oft unterschätzt und vergessen: Achtsamkeitsübungen, Musik machen, tanzen, spazieren gehen, kochen, Sport und Freundschaften pflegen, die nicht aus dem beruflichen Umfeld kommen. Manchmal reicht dies alles leider nicht aus. Silke Wüstholz betreute etwa eine leidenschaftlich Pflegende von der ITS, die kurz davor stand, den Beruf zu verlassen. Sie litt darunter, dass sie die Pflege, die sie vor Jahren noch gewohnt war, jetzt aufgrund der Personalsituation und der wirtschaftlichen Zwänge nicht mehr schaffte. Im Coaching erarbeiteten sie, auf welche Tätigkeiten die ITS-Kraft verzichten konnte, ohne sich schlecht zu fühlen – etwa einmal weniger ein Bett beziehen –, und auf welche nicht.
Was sie selbst in der Hand hatte und wo ihr nur die Feststellung half, dass sie es hinnehmen musste. „Dass es in Ordnung war, nicht alles zu schaffen, musste sie lernen“, sagt Silke Wüstholz. Sie bemerkt allerdings, dass sich beim Pflege-Nachwuchs gerade etwas ändert. Die Jungen äußerten klarer, wenn sie an ihre Leistungsgrenzen kämen. Oft führe das zu einem Generationenkonflikt, aber ihr gefalle dieser Wandel. „Wenn ich nicht gut drauf bin, kann ich mich auch nicht für Verbesserungen einsetzen“, erklärt Silke Wüstholz. „Je besser es mir geht, umso eher kann ich auch berufspolitisch Veränderungen einfordern.“
Literatur
- *Missed Nursing Care – Exploration der Wahrnehmung, Bewertung und Handlungsoptionen von Pflegenden/Studierenden der Pflege mittels des Instruments der Selbstauskunft und qualitativen Interviews; Hochschule Bremen, Fakultät 3; 2017
- ** Cartaxo, A., Eberl, I. & Mayer, H. (2022) Die MISSCARE-Austria-Studie – Teil I: Häufigkeit von Missed Nursing Care und assoziierten Einflussfaktoren auf Allgemeinstationen in österreichischen Krankenhäusern. HBScience 13 (Suppl 2), 30–42
- *** Zum Zusammenhang zwischen „Missed Care“ und dem theoretischen Anspruch an eine professionelle Pflege; Bachelorarbeit Maria Hahne, HAW Hamburg, vorgelegt am 03.06.2025
CNE.fortbildung
Lesen Sie auch die Lerneinheit „Missed Nursing Care: Ursachen, Folgen und Prävention“.