Start » Alle Beiträge » Abnehmtablette: Neue Therapieoption trifft auf Kostendebatte
Medikamentöse Adipositastherapie

Abnehmtablette: Neue Therapieoption trifft auf Kostendebatte

|von Simone Schwarz

Seit dem 1. September ist Semaglutid erstmals als Tablette zur Gewichtsreduktion in deutschen Apotheken erhältlich. Die Wirkung soll mit der Abnehmspritze vergleichbar sein, die Einnahme ist jedoch aufwendiger. Gleichzeitig wird darüber diskutiert, ob die gesetzlichen Krankenkassen die Medikamente bei schwerer Adipositas bezahlen sollten.

Tablette und Maßband
© tanya78/ stock.adobe.com

Mit der Wegovy-Tablette steht Menschen mit Adipositas erstmals eine orale Therapie mit Semaglutid zur Verfügung. Die Europäische Kommission hatte das Präparat im Juli zugelassen.

Beide Applikationsformen, sowohl oral als auch subkutan, sind zum Gewichtsmanagement bei Erwachsenen mit einem Ausgangs-BMI von ≥ 30 kg/m² oder ≥ 27 kg/m² mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung wie Hypertonie, Dyslipidämie, obstruktive Schlafapnoe oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes mellitus zugelassen. Das Medikament ist verschreibungspflichtig. Die Kosten für die Medikamente müssen die Betroffenen bislang selbst tragen, da Arzneimittel zur Gewichtsreduktion in Deutschland grundsätzlich als sogenannte Lifestyle-Arzneimittel gelten. Eine Ausnahme besteht bei Typ-2-Diabetes: Wird Semaglutid unter dem Produktnamen Ozempic zur Behandlung der Stoffwechselerkrankung eingesetzt, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen unter Umständen die Kosten.

Vergleichbare Wirkung, aufwendigere Einnahme

Semaglutid gehört zur Gruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten. Der Wirkstoff vermittelt dem Gehirn ein Sättigungsgefühl und sorgt dafür, dass die Nahrung länger im Magen bleibt. Dadurch nehmen die Behandelten in der Regel weniger Nahrung zu sich. Nach Einschätzung der Endokrinologin Nina Meyer von der Berliner Charité ist die Wirkung der Tablette auf das Körpergewicht mit jener der Spritze vergleichbar. Patientinnen und Patienten könnten nun künftig wählen, welche Darreichungsform sie bevorzugen. Besonders für Menschen mit Angst vor Spritzen könne die Tablette eine Alternative sein.

Allerdings unterscheidet sich die Anwendung deutlich. Während die Spritze einmal pro Woche appliziert wird, muss die Tablette täglich morgens eingenommen werden. Zuvor dürfen die Betroffenen mindestens acht Stunden lang nichts gegessen haben. Nach der Einnahme sollen sie weitere 30 Minuten auf Essen, Getränke und andere Medikamente verzichten.

Auch die benötigte Wirkstoffmenge ist höher, da Magen und Dünndarm nur einen kleinen Teil des oral aufgenommenen Semaglutids verwerten. Für die Tablette ist eine Höchstdosis von 25 Milligramm vorgesehen.

Medikament allein reicht nicht aus

In der für die EU-Zulassung maßgeblichen Studie erreichten Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht unter der Behandlung mit oralem Semaglutid eine deutliche Gewichtsreduktion. Je nach Auswertungsmethode lag diese durchschnittlich bei etwa 13,6 bis 17 Prozent des Ausgangsgewichts.

Fachleute betonen, dass GLP-1-Medikamente keine alleinige Therapie der Adipositas darstellen. Notwendig seien eine ärztliche Begleitung und ergänzende Maßnahmen in den Bereichen Ernährung, Bewegung und Verhalten. Nach dem Absetzen könne das Körpergewicht zudem rasch wieder steigen. Einer britischen Studie zufolge hatten Betroffene ein Jahr nach dem Therapieende durchschnittlich 60 Prozent des zuvor verlorenen Gewichts wieder zugenommen. Studien zur Semaglutid-Spritze zeigen eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von etwa 11 bis 17 Prozent. Das entspricht häufig einem Gewichtsverlust von etwa zehn bis zwölf Kilogramm im Laufe der Behandlung.

Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung. Diese Beschwerden seien nach bisherigen Studien meist leicht bis mäßig ausgeprägt und nur selten schwerwiegend. Fachleute und Apothekerverbände warnen zugleich vor dubiosen Online-Angeboten. Eine sichere Behandlung erfordere eine persönliche medizinische und pharmazeutische Beratung.

„Gleichzeitig gibt es einen riesigen medialen Hype, weil manche Menschen sie ohne medizinischen Hintergrund aus kosmetischen Gründen nutzen.“ Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes

Soll die Abnehmspritze Kassenleistung werden?

Parallel zur Einführung der Tablette gewinnt die Diskussion über die Erstattung von GLP-1-Medikamenten an Bedeutung. Die neue Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, Sonja Optendrenk, hatte angeregt, Abnehmspritzen bei schwerer Adipositas künftig auf Kassenrezept zu ermöglichen.

Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, warnt in diesem Zusammenhang vor erheblichen finanziellen Belastungen für die gesetzliche Krankenversicherung. Würden alle gesetzlich versicherten Menschen mit einem Body-Mass-Index von mindestens 30 regelmäßig mit Abnehmspritzen versorgt, könnten nach ihrer Hochrechnung jährlich Kosten von rund 45 Milliarden Euro entstehen. Bei einer Beschränkung auf Menschen mit einem BMI ab 35 lägen die möglichen Ausgaben noch bei etwa 14 Milliarden Euro.

Reimann bezeichnete diese Berechnungen zwar als Maximalszenarien. Sie machten jedoch deutlich, welche finanziellen Dimensionen mit einer Kostenübernahme verbunden sein könnten. Die Debatte dürfe deshalb nicht verkürzt geführt werden. Zugleich verwies sie auf den medialen Hype um die Medikamente und deren Nutzung aus rein kosmetischen Gründen.

Medizinischer Nutzen und Finanzierung sind zentrale Fragen

Der Sozialverband Deutschland mahnt ebenfalls zu einer sorgfältigen Prüfung, warnt aber davor, die Diskussion allein auf die Arzneimittelkosten zu reduzieren. Adipositas verursache bereits heute hohe Ausgaben im Gesundheitswesen. Eine wirksame Behandlung könne Folgeerkrankungen verhindern und zugleich Gesundheit und Lebensqualität der Betroffenen verbessern.

Die neue Semaglutid-Tablette erweitert die medikamentösen Möglichkeiten der Adipositastherapie, ersetzt aber weder die ärztliche Begleitung noch Maßnahmen in den Bereichen Ernährung, Bewegung und Verhalten. Mit der wachsenden Zahl verfügbarer GLP-1-Präparate stellt sich zugleich die Frage nach ihrer Finanzierung dringlicher. Entscheidend wird sein, medizinisch begründete Einsatzbereiche klar zu definieren, eine strukturierte Begleittherapie sicherzustellen und den möglichen Nutzen gegen die langfristigen Kosten abzuwägen.

CNE.fortbildung

Lesen Sie auch die Lerneinheit „Herausforderung Adipositas“


Mehr zum Thema