Mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland leben mit oder nach einer Krebserkrankung. Eine neue Studie der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd legt offen, dass Veränderungen in Partnerschaft, Nähe und Sexualität über Jahre bestehen bleiben – werden aber im Versorgungssystem bislang nicht systematisch adressiert.
Liebe und Intimität nach Krebs
Das Forschungsteam der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd um Prof. Dr. Niederberger hat für die Studie drei unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt: Interviews mit sechs Fachleuten aus Medizin, Beratung und Therapie, eine Analyse von 14 Informationsbroschüren sowie die Auswertung von 15 Diskussionssträngen mit rund 330 Beiträgen aus Online-Foren für Krebsbetroffene. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: Auf gesellschaftlicher, institutioneller und individueller Ebene werde das Thema eher ausgeblendet.
Ein Forumsbeitrag, den die Studie zitiert, macht das greifbar: Eine Frau mit Gebärmutterhalskrebs schildert, ihr Arzt habe ihr erklärt, Sexualität nach einer solchen Erkrankung sei „eben immer noch ein Tabu-Thema“. Ihre Antwort: Wären sie gesund, gälte es als die natürlichste Sache der Welt.
Drei Ursachen auf verschiedenen Ebenen
Die Studie, die in der Fachzeitschrift Prävention und Gesundheitsförderung veröffentlicht wurde, identifiziert drei ineinandergreifende Gründe für das Schweigen. Erstens gelte Sexualität gesellschaftlich als Privatsache und werde nicht als Teil der Krankheitsbewältigung verstanden. Zweitens fehle im Versorgungssystem schlicht die Zeit: Ein angemessenes Gespräch über Intimität und Sexualität erfordere nach Einschätzung der befragten Fachpersonen bis zu 60 Minuten – eine Dauer, die im Klinikalltag nicht vorgesehen sei. Hinzu komme, dass Sexualberatung keine Kassenleistung darstelle. Drittens führe dieses institutionelle und gesellschaftliche Schweigen auf individueller Ebene zu Scham und Rückzug. Betroffene und ihre Partnerinnen oder Partner interpretierten das Schweigen des Gegenübers häufig fälschlicherweise als Ablehnung.
Die Auswirkungen einer Krebserkrankung auf Liebe und Intimität betreffen dabei nicht nur die Sexualität im engeren Sinne. Sie erstrecken sich auf die psychische und körperliche Gesundheit, das Körperbild, soziale Beziehungen sowie die Partnerschaft insgesamt. Diese Belastungen können über Jahre anhalten – doch weder Betroffene noch Fachpersonal aus Medizin, Pflege, Rehabilitation oder Beratung sprechen in der Regel von sich aus darüber.
Kritische Lücke nach dem Ende der Akutbehandlung
Besonders problematisch wird die Versorgungslücke laut der Studie in der Phase nach Abschluss der Akutbehandlung. Patientinnen und Patienten gelten dann formal als geheilt, die engmaschige medizinische Begleitung endet. Doch genau in diesem Zeitraum würden Fragen zu Nähe, Körperbild und Intimität für viele Betroffene erst drängend. Unbehandelte sexuelle und intime Belastungen erhöhen dabei sogar das Risiko für psychische Probleme und Beziehungskonflikte.
Die Rehabilitation biete laut den Forschungsergebnissen ein bisher kaum genutztes Zeitfenster, um das Thema strukturiert anzusprechen. Schon ein sprachlicher Wechsel könne helfen: Der Begriff „Intimität“ statt „Sexualität“ senke die Hemmschwelle für den Gesprächseinstieg, so Niederberger.
Singles und LGBTQ-Personen bleiben unsichtbar
Die Studie macht darüber hinaus auf eine bislang kaum beachtete Gruppe aufmerksam: Menschen, die nach einer Krebserkrankung alleinstehend sind oder es werden, sowie LGBTQ-Personen. Für sie existieren laut der Analyse kaum gezielte Angebote. Die untersuchten Beratungsmaterialien richten sich laut dem Forschungsteam fast ausschließlich an heterosexuelle Paarbeziehungen. Wer nicht in dieses Raster fällt, findet demnach weder in Broschüren noch in der professionellen Beratung Anknüpfungspunkte.
Für Pflegefachpersonen, die in der Onkologie, Nachsorge oder Rehabilitation arbeiten, liefert die Studie damit einen klaren Hinweis: Das Thema Intimität aktiv anzusprechen, statt auf Eigeninitiative der Betroffenen zu warten, könnte ein wesentlicher Schritt sein, um das von den Forschenden beschriebene „systemische Schweigen“ aufzubrechen.