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GKV-Halbjahresbilanz 2026

Ausgaben wachsen fast doppelt so schnell wie Einnahmen

|von Simone Schwarz

Trotz Beitragserhöhungen zum Jahresbeginn 2026 klafft die Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen der GKV weiter auseinander – mit einem Ausgabenplus, das fast doppelt so hoch ausfällt wie der Einnahmenzuwachs. Besonders die Zuwächse bei Behandlungspflege, Heilmitteln und Krankenhausleistungen setzen die GKV unter Druck.

Geld Herz Stehoskop
K. Oborny/Thieme

Die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) gaben im ersten Halbjahr 2026 deutlich mehr aus als sie einnahmen, und das trotz Beitragserhöhungen zum Jahresbeginn. Vor allem die Kosten für Krankenhäuser, Behandlungspflege und Heilmittel treiben die Ausgaben nach oben.

Laut dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) stiegen die Ausgaben der 93 gesetzlichen Krankenkassen in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 um rund 7,1 Prozent, während die Beitragseinnahmen lediglich um 4,1 Prozent zulegten. In absoluten Zahlen standen Einnahmen von 188,9 Milliarden Euro Ausgaben von 186,3 Milliarden Euro gegenüber. Zwar ergab sich daraus ein Überschuss von 2,6 Milliarden Euro – dieser dient dem BMG zufolge jedoch vorrangig dazu, die in den Jahren 2024 und 2025 stark gesunkenen Finanzreserven wieder auf das gesetzlich vorgeschriebene Mindestniveau aufzufüllen. Die Reserven lagen zum Halbjahresende bei rund 7,5 Milliarden Euro, was gut 0,2 Monatsausgaben entspricht.

Der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz lag Ende Juni bei 3,13 Prozent und damit deutlich über dem im Oktober 2025 prognostizierten ausgabendeckenden Wert von 2,9 Prozent. Viele Kassen seien gezwungen, einen höheren Zusatzbeitrag zu erheben als zur Deckung der laufenden Kosten nötig wäre, um ihre abgeschmolzenen Reserven wieder aufzubauen, so das BMG. Der Gesundheitsfonds verzeichnete im selben Zeitraum ein Defizit von 5,9 Milliarden Euro, was laut Ministerium zum größeren Teil saisonüblich sei, da Sonderzahlungen wie das Weihnachtsgeld erst im vierten Quartal zu höheren Einnahmen führten.

Krankenhäuser als größter Kostentreiber

Den stärksten Ausgabenanstieg verzeichnete laut BMG der Krankenhausbereich mit einem Plus von 9,3 Prozent beziehungsweise 5,1 Milliarden Euro. Damit lag der Zuwachs mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt der jährlichen Steigerungen im Zeitraum 2013 bis 2024 und übertraf sogar das bisherige Rekordjahr 2025. Ein Teil dieses Anstiegs geht auf Rechnungszuschläge zur Finanzierung sogenannter Soforttransformationskosten zurück, die Krankenhäuser von November 2025 bis Oktober 2026 in Höhe von 3,25 Prozent des Rechnungsbetrags erheben dürfen.

Im ersten Halbjahr 2026 flossen den Kliniken daraus 1,64 Milliarden Euro zu. Der Bund stellt dem Gesundheitsfonds dafür insgesamt vier Milliarden Euro an zusätzlichen Bundesmitteln bereit. Doch auch bereinigt um diesen Sondereffekt lag das Wachstum im Krankenhausbereich laut BMG bei 6,3 Prozent – weit über dem langjährigen Durchschnitt und deutlich über dem Einnahmenzuwachs. Die strukturell beschleunigte Ausgabendynamik setzt sich damit fort: Während die Krankenhausausgaben zwischen 2013 und 2022 im Schnitt um rund 3,5 Prozent pro Jahr wuchsen, betrug der durchschnittliche Anstieg in den Folgejahren 8,2 Prozent jährlich.

Behandlungspflege und Heilmittel mit überdurchschnittlichem Wachstum

Die Ausgaben für medizinische Behandlungspflege stiegen laut BMG erneut stark überdurchschnittlich um 10,5 Prozent beziehungsweise 0,6 Milliarden Euro. Dieser personalintensive Bereich wachse bereits seit 2013 in jedem Jahr stärker als die GKV-Gesamtausgaben und stärker als die beitragspflichtigen Einnahmen, so das Ministerium.

Auch der Heilmittelbereich verzeichnete mit einem Plus von 9,9 Prozent beziehungsweise 709 Millionen Euro ein weit überdurchschnittliches Wachstum. Besonders kräftig stiegen die Aufwendungen für die Heilmittelversorgung mit erweiterter Versorgungsverantwortung der Heilmittelerbringer – die sogenannte Blankoverordnung – in der Ergotherapie und Physiotherapie um 443 Millionen Euro. Das BMG weist allerdings darauf hin, dass ein Teil dieses Aufwuchses eine Verlagerung aus der bisherigen Heilmittelversorgung in diese neue Versorgungsform darstelle.

Arzneimittel und ambulant-ärztliche Versorgung ebenfalls über dem Einnahmentrend

Die Arzneimittelausgaben stiegen dem BMG zufolge um 5,1 Prozent beziehungsweise 1,5 Milliarden Euro. Besonders auffällig: Die Aufwendungen für Arzneimittel im Rahmen der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung legten um 26,7 Prozent beziehungsweise 462 Millionen Euro zu.

Bei den ambulant-ärztlichen Behandlungen betrug der Anstieg 6,0 Prozent beziehungsweise 1,63 Milliarden Euro. Neben dem Anstieg des bundeseinheitlichen Orientierungspunktwerts um 2,80 Prozent trugen laut BMG Vergütungen für sogenannte TSVG-Vermittlungsfälle sowie Sondervergütungen – etwa für die Befüllung der elektronischen Patientenakte – zu diesem Wachstum bei. Deutlich überdurchschnittlich wuchsen zudem die Ausgaben für ambulante spezialfachärztliche Behandlung (+19,7 Prozent), die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (+18,7 Prozent) und die hausarztzentrierte Versorgung (+13,1 Prozent). Das BMG schränkt jedoch ein, dass die Buchungen im ärztlichen Bereich stets auch von Schätzungen geprägt seien, da Abrechnungsdaten für das erste Halbjahr nur in sehr geringem Umfang vorlägen.

„Die Finanzergebnisse der Krankenkassen für das erste Halbjahr 2026 geben keinen Anlass zur Entwarnung. Die Ausgabendynamik übersteigt weiterhin die Zuwächse bei den Einnahmen deutlich. Diese Entwicklung muss gestoppt werden, um die Beitragssatzspirale zu brechen.“ Carsten Linnemann, Bundesgesundheitsminister 

Weitere Kostenbereiche unter Druck

Auch in der Breite der übrigen Ausgabenbereiche lag das Wachstum laut BMG oberhalb der Einnahmenzuwächse. Die Fahrkosten stiegen um 8,1 Prozent (420 Millionen Euro), wobei Fahrten mit Notarztwagen mit 11,7 Prozent besonders stark zulegten. Die Ausgaben für Schutzimpfungen wuchsen um 8,5 Prozent (143 Millionen Euro), für Krankengeld um 7,4 Prozent (798 Millionen Euro), für zahnärztliche Behandlungen ohne Zahnersatz um 5,9 Prozent (438 Millionen Euro) und für Hilfsmittel um 4,4 Prozent (268 Millionen Euro). Die Ausgaben für Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen stiegen um 5,9 Prozent (153 Millionen Euro) und damit weniger dynamisch als noch im ersten Quartal 2026 mit 9,0 Prozent.

Die Verwaltungskosten der Krankenkassen entwickelten sich hingegen vergleichsweise moderat: Die persönlichen Verwaltungskosten stiegen um 3,8 Prozent, die sächlichen Verwaltungskosten sanken sogar um 2,2 Prozent. Letzteres führt das BMG auf die gesetzliche Begrenzung durch das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege zurück.

Regierung setzt auf Beitragssatzstabilisierungsgesetz

Das BMG sieht in den Halbjahreszahlen „keinen Anlass zur Entwarnung“. Die Regierungskoalition hat dem Ministerium zufolge Mitte Juli 2026 das Beitragssatzstabilisierungsgesetz im Bundestag beschlossen. Kern der Reform sei es, die Ausgaben wieder an die Einnahmen zu koppeln und Doppel- sowie Zusatzvergütungen ohne klaren Nutzen zu streichen. Mit einem geplanten Einsparvolumen von rund 19 Milliarden Euro soll der durchschnittliche ausgabendeckende Zusatzbeitragssatz im kommenden Jahr bei 2,9 Prozent stabil gehalten werden. Parallel arbeite die Regierung an Strukturreformen wie der Notfallreform und der Einführung eines Primärversorgungssystems, um das Gesundheitssystem langfristig effizienter zu gestalten, so das BMG.

Das Ministerium weist darauf hin, dass die Halbjahresdaten in vielen Leistungsbereichen auf Schätzungen beruhen und daher mit Vorsicht zu interpretieren seien. Die Finanzergebnisse für die ersten drei Quartale 2026 sollen Ende November vorliegen.


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