Eine aktuelle Analyse des BARMER Instituts für Gesundheitssystemforschung prognostiziert bis 2040 einen deutlichen Anstieg ambulanter Notfallbehandlungen und Rettungseinsätze – mit erheblichen regionalen Unterschieden zwischen den Bundesländern. Doch die Modellrechnung zeigt auch: Mit konsequenter Patientensteuerung und einer stärkeren Rolle pflegerischer und aufsuchender Versorgung ließe sich der Trend umkehren.
Notfallversorgung: Wie Pflegende entlasten könnten
Laut einer Analyse des BARMER Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg) könnten ambulante Notfallbehandlungen in Kliniken bis 2040 um rund 21 Prozent steigen. Eine gezielte Patientensteuerung könnte den Trend jedoch umkehren und das System um mehr als 25 Prozent entlasten.
Ohne Gegenmaßnahmen droht der Notfallversorgung in Deutschland eine erhebliche Mehrbelastung. Die Zahl ambulanter Notfallbehandlungen in Krankenhäusern könnte laut der BARMER-Analyse von zuletzt 13 Millionen im Jahr 2024 auf 15,7 Millionen im Jahr 2040 anwachsen. Gleichzeitig prognostiziert die Untersuchung einen Anstieg der Rettungsdiensteinsätze mit Patiententransport um knapp 13 Prozent: von 6,86 Millionen auf 7,74 Millionen Einsätze. Als wesentlichen Treiber dieser Entwicklung benennt die Analyse die alternde Bevölkerung.
Verbindliche Ersteinschätzung und konsequente Steuerung gefordert
Die Analyse ordnet sich in den politischen Kontext der geplanten Notfallreform ein. Im April 2026 hat das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf zur Reform der Notfallversorgung beschlossen. Dessen zentrales Ziel: Fehlinanspruchnahmen von Rettungsdiensten und Notaufnahmen reduzieren. Laut BARMER mangelt es bislang allerdings sowohl an belastbaren Daten zur aktuellen Inanspruchnahme als auch an Projektionen für die künftige Entwicklung, die als Planungsgrundlage dienen könnten.
„Das Notfallsystem muss entlastet werden. Durch eine gezielte Patientensteuerung könnten die Hausärzte und der ärztliche Bereitschaftsdienst verstärkt weniger dringliche Fälle übernehmen“, erklärt Prof. Dr. med. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER.
In der Pressemitteilung des Instituts wird jedoch betont, dass nicht jeder vermeintliche Notfall tatsächlich einer sei. Für eine passgenaue Versorgung sei eine verbindliche Ersteinschätzung elementar. Patient*innen müssten konsequent in die jeweils geeignete Versorgungsebene gesteuert werden – also etwa in hausärztliche Praxen oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst statt in die Notaufnahme. Dafür sei eine bundesweit einheitliche Organisation der Notfallstrukturen dringend erforderlich.
Über 25 Prozent Entlastung durch bessere Steuerung möglich
Für die Analyse wurde die Inanspruchnahme der Notfallversorgung in bundesweit 984 Regionen untersucht. Die Forschenden des bifg modellierten dabei, welcher Effekt einträte, wenn die bundesweite Inanspruchnahme auf das Niveau jener Regionen gesenkt würde, die heute bereits die niedrigsten Quoten aufweisen. Das Ergebnis: Sowohl die Zahl der ambulanten Notfallbehandlungen in Kliniken als auch die der Rettungsfahrten könnte bis 2040 um mehr als 25 Prozent sinken.
Größere Rolle für Pflegefachpersonen
Aus Sicht der Autoren wird die Entlastung des Systems jedoch nur gelingen, wenn neue Versorgungsmodelle etabliert werden. Eine wichtige Rolle könnten dabei Pflegefachpersonen übernehmen. Die Studie nennt hier ausdrücklich den Ausbau aufsuchender Versorgungsangebote für vulnerable Patientengruppen. Speziell qualifizierte Pflegekräfte oder medizinische Fachangestellte könnten Menschen im häuslichen Umfeld betreuen und so vermeidbare Notrufe, Rettungsdiensteinsätze oder Klinikvorstellungen verhindern.
Zugleich sprechen sich die Autoren für eine stärkere Delegation ärztlicher Aufgaben an therapeutische und pflegerische Berufe sowie für eine konsequente Nutzung digitaler Anwendungen aus. Dies könnte dazu beitragen, die hausärztliche Versorgung zu stabilisieren und die vorhandenen personellen Ressourcen effizienter einzusetzen.
Große regionale Unterschiede
Die prognostizierte Entwicklung verläuft laut der BARMER-Auswertung regional höchst unterschiedlich. In Sachsen-Anhalt etwa könnte die Zahl ambulanter Krankenhausbehandlungen im Notfallbereich um acht Prozent und die der Rettungsdiensteinsätze um gut fünf Prozent sinken. Die Analyse führt dies auf eine prognostizierte stabile hausärztliche Versorgung in Kombination mit Bevölkerungsrückgängen zurück. In Baden-Württemberg hingegen wird eine gegenläufige Entwicklung erwartet: Die ambulanten Notfallbehandlungen könnten dort um 29 Prozent und die Rettungseinsätze um 18 Prozent steigen.
Die Forscher sprechen sich daher dafür aus, bei der Ressourcenplanung regional zu differenzieren. Örtliche Besonderheiten müssten unter Einhaltung bundesweiter Standards bedarfsgerecht berücksichtigt werden.
Fazit: Die BARMER-Prognose zeigt, dass die Notfallversorgung ohne Reformen vor erheblichen Belastungen steht. Gleichzeitig weist die Analyse auf ein großes Entlastungspotenzial hin: Verbindliche Patientensteuerung, eine stärkere Einbindung von Pflegefachpersonen, aufsuchende Versorgungsangebote und digitale Lösungen könnten dazu beitragen, die Notfallstrukturen langfristig leistungsfähig zu halten.