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Sprache als Schlüssel

„Wir können alles –außer ­Hochdeutsch“

|von Alexandra Heeser

Auf den Fluren deutscher Pflegeheime und Kliniken ist Vielfalt längst Alltag.
Neben ­fachlicher Qualifikation und kultureller Anpassung spielt ein Faktor ­­­eine
oft ­unterschätzte Rolle: die Sprache.

Quelle: Kirsten Oborny/Thieme

„Ha noi, i mog ned!“, „Jedzd kibb i glei aus de Ladsche!” oder „I han Schmerza em Fuß!“ – all diese Sätze hören Pflegekräfte wie Agnesa Asllani, die vor einem Jahr mit ihrem Mann aus dem Kosovo nach Markgröningen kam, häufiger. In dem Bundesland, das jahrelang mit dem Slogan „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ unangefochten auf Platz 1 der Werbesprüche stand, kann es jedoch zum Problem werden, wenn Patienten im Arbeitsalltag so ganz anders „schwätzen“, als man es im Sprachkurs gelernt hat. „Denn der Fuß endet im Schwäbischen nicht am Fußknöchel, sondern geht bis zum Po, und das ist im Pflegealltag durchaus relevant“, erklärt Anne Kathrin Müller, Referentin für Diversität und Integration der RKH Regionale Kliniken Holding und Services GmbH (RKH Gesundheit). Da könne eine Pflegekraft sogar gut Deutsch sprechen und ­verstehen, diese Eigenheit müsse man einfach wissen, sonst komme es am Patientenbett zu Missverständnissen.

Aus genannten Gründen wird an der Orthopädischen Klinik in Markgröningen ein Schwäbischkurs für die internationalen Fachkräfte pilotiert. Der Erfolg gibt Müller recht, der Kurs soll jetzt auch in anderen Kliniken der RKH Gesundheit ausgerollt werden. Das ist auch Anlass, darüber nachzudenken, ob man für den Standort im Landkreis Karlsruhe ebenfalls einen Sprachkurs aufsetzt, das wäre dann natürlich ein Badischkurs.

„Wie gohd‘s uns noh heud?“

Ein Schwäbischkurs für internationale Pflegekräfte – was auf den ersten Blick wie eine skurrile Randnotiz klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein kluger Schachzug. Denn Dialekte sind, gerade in ländlichen Gebieten, tief verwurzelt und können für Neuankömmlinge eine zusätzliche Hürde darstellen. „Ziel unseres Schwäbischkurses ist es, nicht nur zu wissen, dass der Fuß im Schwabenland erst an der Hüfte endet, sondern auch einen zielführenden und selbstbewussten Umgang mit unsicheren Situationen in der Kommunikation am Bett oder mit Angehörigen zu erlernen“, führt Müller die Intention dieser Maßnahme weiter aus. „Wer versteht, dass der Patient meint, dass ihm schlecht ist, wenn er sagt: ‚Mir isch ganz graddlig‘, der kann eine ganz andere Verbindung zu ihm aufbauen und ihm wird auch Vertrauen entgegengebracht“, weiß die Referentin aus Erfahrung. Es könne jemand fachlich noch so gut ausgebildet sein, wenn es ein Verständigungsproblem gebe, werde ihm oft unterstellt, dass er nicht kompetent sei.

Sprache ist der Schlüssel ­­zur Entfaltung eines selbstbestimmten Lebens in der neuen Heimat.

Müller kam durch eine Befragung in den eigenen Kliniken auf den Bedarf an einer solchen Maßnahme. „Integration bedeutet für uns nicht, die ausländische Fachkraft bis zu ihrer Anerkennung hier zu unterstützen. Der Prozess beginnt für uns mit der Anwerbung und geht dann aber weit über die Anerkennungsphase hinaus“, sagt sie. Bei dieser Befragung sei seitens der internationalen Pflegekräfte oftmals der Wunsch geäußert worden, nicht nur besser Deutsch sprechen zu können, sondern auch den Dialekt zu verstehen. „Dass Vokabeln im Schwäbischen eine andere Bedeutung haben als im Hochdeutschen, ist sehr verwirrend. Wenn ein Patient also sagt, er hat Schmerzen am Fuß, und die Pflegekraft schaut sich dann den Fuß und den Knöchel an, kann es schnell sein, dass der Patient unleidlich wird, weil es ihm eigentlich im Bein zieht“, erklärt die Integrationsreferentin. So kam sie auf die Idee des Schwäbischkurses. Bei diesem Pilotprojekt arbeitet die RKH Gesundheit mit einem Theaterpädagogen zusammen, der auch zum Thema Empowerment arbeitet und die Zielgruppe auf anderer Ebene, in einem geschützten Raum erreicht und sie zur Partizipation anregt. Der Theaterpädagoge spielt mit den Pflegekräften aus aller Welt Patienten- und Angehörigengespräche durch und konfrontiert sie mit schwäbischen Ausdrucksweisen. So sollen die Fachkräfte Berührungsängste verlieren und ihren Wortschatz um das ein oder andere schwäbische Wort erweitern. Das kommt gut an. „Jetzt, wo ich weiß, dass mit Mädele eine weibliche Pflegekraft gemeint ist, kann ich es zuordnen.

Der Dialekt ist süß und es gibt wirklich nette Worte“, erklärt Agnesa Asllanis Mann Endrit nach einem der drei Workshoptermine. Jetzt verstehe sie auch, warum einige Patienten laut würden, erklärt eine Pflegekraft, die von Indien nach Markgröningen gekommen ist: „Sie sind gar nicht sauer, weil ich nicht so gut Deutsch kann, sondern sie wollen mir helfen. Es hat etwas gedauert, bis ich verstanden habe, dass die Einheimischen hier immer lauter werden, wenn sie das Gefühl haben, dass man sie nicht versteht.“ Solche und andere Situationen seien durch theaterpädagogische Methoden einfach aufklärbar, weiß Müller. „Es wird uns von den internationalen Kolleginnen und Kollegen auch widergespiegelt, dass es toll ist, dass sie einfach üben und sich auch untereinander austauschen können“, erzählt sie weiter.

Sprachbildung: die Voraussetzung für Integration

Dass Sprachbarrieren besonders in der Pflege zu Frustration und Missverständnissen führen können, weiß auch Simon Jäger, Geschäftsführer von Realis und Experte für internationales Recruiting. Er kennt den steinigen Weg, den viele Pflegekräfte gehen, wenn sie mit sprachlichen Grundkenntnissen nach Deutschland kommen. „Die Pflegenden stehen dann vor der enormen Herausforderung, ihre Sprachkenntnisse schnell auf das für den Berufsalltag notwendige Niveau zu bringen. Der Druck ist hoch, denn gerade für die Anerkennung des Berufsabschlusses ist die bestandene Sprachprüfung unerlässlich“, erklärt der Pflegemanager, der sich mittlerweile beruflich auf die Rekrutierung ausländischer Pflegefachkräfte spezialisiert hat. Dabei legt er besonderes Augenmerk auf die Qualitätssicherung der ausländischen Sprachschulen – speziell auf die Qualifikation der Ausbilder vor Ort, welche Lehrmaterialien werden verwendet, aber auch auf die Methoden, wie man „Schwächere“ im Unterricht mitnehme. Neben den Goethe-Instituten gebe es im Ausland so gut wie keine qualitätsgesicherten Sprachkursanbieter.

Und genau da liege das Problem, denn Sprachausbildung sei nicht gleich Sprachausbildung. „Oft unterbieten sich ausländische Sprachanbieter gegenseitig bei der Stundenanzahl für den Unterricht. Für mich liegt die Benchmark für Sprachkenntnisse – wie vom BAMF hier in Deutschland vorgegeben – auch im Ausland bei 1 000 Unterrichtseinheiten und dem vollständigen Erwerb des B1- und B2-Zertifikats.“ Das sei aus seiner Sicht notwendig, denn man habe auch eine ethische Verantwortung für diejenigen, die den Weg auf sich nehmen, meist ihre Familien zu Hause lassen und sich in Deutschland ein neues (Berufs-)Leben aufbauen wollen. Sprache sei das A und O für die Integration und dafür, dass sich die ausländischen Fachkräfte hierzulande wohlfühlen und sich auch weiterentwickeln können. „Wenn diese Grundlage nicht gegeben ist, fehlt den Kandidaten die faire Chance hier im Land, darauf aufzubauen“, erklärt Jäger weiter.

Mehr als nur Grammatik und Vokabeln

Simon Jäger hat sich auf den Weg gemacht und zusammen mit dem Verein zur Förderung der beruflichen Bildung e. V. Speyer (VFBB) als erfahrenem Sprachkursanbieter Kriterien für die Qualität der Sprachausbildung vor Ort festgelegt. Ziel seines neuesten Projektes ist, die Vorintegration von Pflegekräften bereits in ihren Herkunftsländern zu verbessern, „indem unter anderem der berufliche Kontext zum Schwerpunkt der Sprachkurse gemacht wird“, so Jäger. Hierfür hat Realis mit den Sprachschulen ein Kontaktprogramm in den Heimatländern entwickelt, das den Arbeitgeber vor Ort – sprich die Krankenhäuser – in den Sprachunterricht einbezieht. „Wir können zwar die Lehrmaterialien nicht komplett neu aufsetzen, aber wir passen sie an und achten darauf, dass sich der Spracherwerb im Heimatland inhaltlich auf das Thema Pflege fokussiert. Da helfen uns die Kliniken und bringen im Austausch mit den Lehrenden vor allem Trainingssituationen aus dem Pflegealltag ein“, erklärt der erfahrene Personalentwickler. Die Krankenhäuser in den Herkunftsländern werden in den Spracherwerb von Anfang an eingebunden. Sie geben den Sprachlehrenden vor Ort, die in den seltensten Fällen selbst Pflegende sind, wichtige Hinweise zur Pflegefachsprache. „Zudem wird gerade ein IT-gestütztes Teacher-Mentoring-System in Form einer App finalisiert, das die Sprachschulen im Alltag begleitet, die Qualität des Unterrichts sichert und vor allem die Praxisnähe in der Sprachausbildung herstellt“, erklärt Jäger stolz. Die App solle das zentrale Instrument zur länderübergreifenden Standardisierung und Qualitätssicherung sein.

Für dieses Konzept bekommt Realis Gelder von der EU aus dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF), der Strukturentwicklungen im Ausland fördert. Mit seinem „Mentoring-Program for quality based German classes“ kann Jäger nun erstmals die Qualität der privaten ausländischen Sprachkursanbieter im Kosovo, in Albanien, Indien und in Tunesien, mit denen er zusammenarbeitet, vereinheitlichen und standardisieren – und damit auch für ihn überprüfbar machen.

Sprache: Schlüssel zur Teilhabe

Die Bedeutung von Sprache für die Integration internationaler Pflegekräfte geht für Jäger jedoch über den beruflichen Kontext hinaus. Sie sei der Schlüssel zur sozialen Teilhabe, zum Aufbau von Freundschaften und zur Entfaltung eines selbstbestimmten Lebens in der neuen Heimat. Das hätten schon viele Kliniken und Recruiter erkannt und bieten interne Sprachkurse an oder kooperieren mit externen Sprachschulen. „Das ist jedoch typisch deutsch. Wir fangen in der Mitte des Prozesses an. Aus meiner Sicht muss der Prozess jedoch von Anfang an, d. h. mit dem Spracherwerb bereits im Ausland, gedacht werden“, erklärt Jäger seine Philosophie. Wenn die Pflegekräfte erst einmal hier seien, erschwere es der straffe Arbeitsplan im Schichtdienst, die Sprache nebenher zu festigen.

Internationales Netzwerktreffen

Der erfolgreiche Spracherwerb internationaler Pflegekräfte ist für Jäger keine Einbahnstraße. Daher gab es 2025 zum zweiten Mal eine internationale Netzwerkkonferenz der vier Sprachschulen, mit denen Realis zusammenarbeitet. Mit dabei war auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und die Bundesagentur für Arbeit. Dieser Austausch wird während der dreijährigen AMIF-Projektlaufzeit einmal im Jahr stattfinden und dient unter anderem der interkulturellen Vernetzung der Schulen untereinander, aber auch des Kontakts und Austauschs der ausländischen Pflegekräfte, die aus verschiedenen Ländern und Kulturen nach Deutschland kommen. Für Jäger ist es wichtig, dahin zu schauen, wo andere nur schwer bis gar keinen Zugang haben: in die Sprachschulen im Ausland. Um die sprachliche Integration nachhaltig zu fördern, bedürfe es eines ganzheitlichen Ansatzes, der von Anfang an gedacht werde und bereits im Heimatland beginne. Die nächste Konferenz ist für Mai 2026 geplant.

Wie wichtig dann noch spezifische regionale Eigenheiten sind, zeigt das Beispiel der RKH Kliniken aus Baden-Württemberg. Hier erlernen die internationalen Pflegekräfte nicht nur schwäbische Spracheigenheiten, sondern üben diese und die informelle Kommunikation mit einem Theaterpädagogen. Denn Gestik, Mimik, Lautstärke und Stimmlage spielen eine enorme Rolle in der Kommunikation.


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