Menschen haben ein tiefes Bedürfnis nach Anerkennung. Wir wollen gesehen und wertgeschätzt werden. Warum vergessen wir das im Alltag bloß immer wieder?
Zeit für echten Goldstaub
L esen Sie bitte nur weiter, wenn Sie Anerkennung und Wertschätzung* für ein menschliches Grundbedürfnis halten. Und nur dann, wenn Sie im Alltag Wertschätzung leben wollen. Und lesen Sie unbedingt weiter, wenn Sie denken: „Schön wär‘s ja, aber wann soll ich das auch noch schaffen – bei der Arbeit und dem ganzen Wahnsinn drumherum?“ Genau darum geht es: Anerkennung im Alltag. Sie ist wie Goldstaub – flüchtig, leicht zu übersehen, aber unendlich wertvoll.
Mehr Annerkennung
Eigentlich ist die Sache einfach: Menschen haben ein tiefes Bedürfnis nach Anerkennung. Wir wollen gesehen werden, ernst genommen, wertgeschätzt. Blöd ist nur: Im Alltag vergessen wir das immer wieder. Befragungen von Mitarbeitenden zeigen seit Jahren dasselbe Bild: Fragt man sie, was Führungskräfte tun könnten, um ein besseres Arbeitsklima zu schaffen, sagen fast 90 Prozent: „mehr Anerkennung“. Klingt simpel. Aber viele Führungskräfte (und übrigens auch Kollegen) haben dazu Überzeugungen im Kopf, die ungefähr so hilfreich sind wie ein löchriges Sieb beim Goldwaschen.
Vielleicht kennen Sie auch hinderliche Glaubenssätze rund ums Loben. Gerne genommen wird: „Mein Team weiß schon, wenn sie gut arbeiten“, der Klassiker: „Ned g‘schimpft is g‘lobt g‘nug“ oder „So viel Besonderes zum Loben passiert halt nicht“. Deshalb noch mal zur Erinnerung – weil es so grundlegend ist: Anerkennung ist wichtig, das ist oft genug wissenschaftlich erforscht worden. Lob ist kein Billig-Glitzer. Lob ist hochwirksam, befeuert biochemische Prozesse, es sorgt z. B. für einen Dopamin-Kick.
Psychologische Sicherheit
Genau das hilft uns im Alltag. Empathie und Wertschätzung schaffen außerdem psychologische Sicherheit: Das Gefühl, dass man dazugehört, Fehler machen darf, ernst genommen wird. Teams mit psychologischer Sicherheit sind nachweislich zufriedener und widerstandsfähiger. Und Anerkennung ist das Herzstück des Retention-Managements – also der strategischen Mitarbeiterbindung. Mit anderen Worten: Wer regelmäßig Goldstaub verteilt, verliert weniger Menschen an andere Arbeitgeber. Die meisten Menschen denken aber bei Lob und Anerkennung nur an Worte wie: „Toll gemacht“, „Oh, prima“ oder „Danke für deinen Einsatz“. Das sind Floskeln, in denen sich die Gelobten nicht wirklich wiedererkennen können. „War o.k.“ reicht hinten und vorne nicht. Und als i-Tüpfelchen sind Menschen unterschiedlich, finden verschiedene Arten der Anerkennung gut und reagieren dementsprechend auch unterschiedlich darauf.
6 Arten von Anerkennung und Wertschätzung
Dazu kommt, dass wir unseren Goldstaub oft – ohne uns dessen bewusst zu sein – in der Art verteilen, die wir eben gut finden, die aber unser Gegenüber gar nicht so sehr mag. Deshalb lohnt es sich, die 6 Arten von Anerkennung und Wertschätzung kennenzulernen:
- Anerkennende Worte – Lob, Komplimente, Danke sagen. Am besten konkret und ehrlich: „Die Übergabe eben war echt strukturiert – hat mir geholfen. Danke.“
- Zeit – ungeteilte Aufmerksamkeit. Ein echtes Gespräch, ohne Handy, ohne Störung
- Hilfsbereitschaft – aktiv unterstützen. Nicht reden, sondern tun.
- Geschenke – kleine Gesten, die von Herzen kommen: Schokolade, Blume, Post-it mit nettem Satz.
- Körperkontakt – vorsichtig und passend im Kontext: ein Schulterklopfen, ein Handschlag, ein Nicken.
- Vertrauen/Zutrauen – Verantwortung übertragen mit der Botschaft: „Ich weiß, dass du das kannst“, „Das trau ich dir zu“.
Jeder Mensch mag eine oder mehrere dieser Arten der Anerkennung besonders gern. Es macht also richtig Sinn, erst mal zu erforschen, welche Art ich selbst denn am liebsten mag, um danach die Lieblingslobarten der Mitmenschen herauszufinden. Wer selber Anerkennung gerne durch Körperkontakt, z. B. Schulterklopfen erfährt, macht meistens auch genau das bei anderen, nach dem Motto „Wenn ich das mag, dann mag es mein Gegenüber sicher auch“.
Leider stimmt das eben nicht immer. Und dann löst die gutgemeinte Anerkennung genau das Gegenteil aus. Wer aber die 6 Arten der Anerkennung bei sich und anderen kennt, erreicht Herz und Kopf. Die gute Nachricht ist, wie so vieles kann man auch Wertschätzung (sich selber und anderen zu geben) trainieren. Bauen Sie Anerkennung bewusst in Ihren Alltag ein, damit es zu Ihren Gewohnheiten und Ihrer inneren Haltung gehört.
Mein Trainingsplan für Sie
Meine Trainingsplan-Ideen für Sie, um Goldstaub in Ihren Alltag zu bringen:
1. Hinsehen: Eine Woche lang bewusst hinsehen, wer mag welche Art der Anerkennung? Wenn Sie es nicht sofort erkennen – macht nichts. Aber vielleicht fällt Ihnen dann auf, wie viel oder wenig Anerkennung gegeben wird.
2. Ausprobieren: Probieren Sie mal eine andere Art der Wertschätzung aus. Wie wär‘s mit Zeit zum Zuhören statt lobenden Worten?
3. Selbstfürsorge: Sorgen Sie für sich. Anerkennung ist keine Einbahnstraße. Wer nur gibt und nix bekommt, brennt aus. Und wenn Sie darauf warten, dass es von außen kommt, dann kann es schon sein, dass Sie lange warten – also loben Sie sich selbst.
Ein leises „Gut gemacht“ vor dem Spiegel mit einem Lächeln fühlt sich beim ersten Mal eigenartig an. Glauben Sie mir, ich hab mich schnell daran gewöhnt. Am Ende geht es doch nicht darum, dass Sie Ihr Team, die Kollegen oder Patienten mit Goldstaub überschütten (nebenbei: Das wird in unserer bestehenden Lobkultur sowieso nicht passieren). Also keine Angst, wir werden sicher nicht unter Goldstaub begraben werden. Nein, es geht um die Alltagsmomente, in denen jemand spürt: „Ich werde gesehen.“ Das ist der eigentliche Schatz. Ned g‘schimpft isch g‘lobt g‘nug? – Schmarrn! Es wird Zeit für echten Goldstaub. Anerkennung ist doch kein Luxus. Wertschätzung sollte normal sein. Und es ist auch für andere Menschen spürbar, wenn in unserem Alltag etwas Goldstaub in der Luft glitzert. Und der kostet nichts (außer Aufmerksamkeit und Bereitschaft) und wirkt stärker als jede Hochglanzbroschüre.

Margit Hertlein
PS: Falls Sie einen Selbsteinschätzungstest machen möchten, dann mailen Sie mir mit dem Betreff „6 Arten der Anerkennung“ unter margit@margit-hertlein.de